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Das Geistliche Wort | 28.06.2026 | 08:40 Uhr

Sprache der Liebe

Was wäre Rom ohne die Gräber von Petrus und Paulus? Immerhin beruft sich die katholische Kirche auf die beiden Apostelfürsten, die ganz an den Anfang des Christentums gehören. Beide haben durch ihr Leben und ihren Tod den Glauben an Jesus Christus bekannt und geprägt. Und morgen werden sie gefeiert, weltweit aber besonders in Rom. Viele Gläubige kommen dazu auf dem Petersplatz mit Papst Leo XIV. zusammen. Als Bischof von Essen fühle ich mich mit den beiden Aposteln besonders verbunden. Nicht nur, weil ich lange in Rom studiert habe, sondern auch weil beide bis heute dafür stehen, dass der christliche Glaube nicht zuerst eine Idee ist, sondern eine gelebte Beziehung zu Gott. Glaube beginnt nämlich dort, wo Menschen sich von Jesus Christus ansprechen lassen, Vertrauen wagen und aus diesem Vertrauen heraus ihren Weg gehen. Ich bin Bischof Franz-Josef Overbeck und möchte Ihnen etwas über die beiden Apostelfürsten erzählen. Guten Morgen!


Musik I: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Ouvertüre, aus Paulus, op. 36


Petrus ist einer der ersten Jünger Jesu und bekennt ihn als den „Sohn des lebendigen Gottes“. Das hört sich nach einem glaubensstarken Bekenntnis an. Aber dieser Glaube des Petrus wird auch angefochten. Petrus zeigt Schwäche, versagt und wird dennoch wieder neu in die Nachfolge gerufen. Für mich zeigt sich hier exemplarisch: Christlicher Glaube gründet nicht in der Stärke oder der makellosen Konsequenz des Menschen, sondern darin, dass Gott treu zum Menschen steht, auch wenn der Mensch schuldig wird und scheitert.

Paulus wiederum steht exemplarisch für die verwandelnde Kraft, die aus der Begegnung mit Christus kommt. Aus Saulus, dem Verfolger der jungen Kirche, wird Paulus, ein Zeuge der frohen Botschaft von Jesus Christus. Seine bisherigen Gewissheiten müssen erst grundlegend in Frage gestellt, ja erschüttert werden. Erst dann kann er anfangen, einen neuen Weg zu gehen. Sein Leben zeigt: Umkehr ist nicht bloß eine Korrektur des bisherigen Handelns, sondern Neuorientierung des ganzen Menschen auf Christus hin.

Petrus und Paulus, beide zeigen auf je eigene Weise, worauf das Christsein gründet: Nicht das eigene Vermögen und die Vollkommenheit des Menschen stehen am Anfang, sondern der Ruf Gottes. Christus stellt das Leben eines Menschen in ein neues Licht, schafft neue Bezüge und Orientierungen und ermöglicht so neue Erfahrungen. Und das hat Konsequenzen: Denn Petrus und Paulus bringen jetzt wiederum den Menschen ihrer Zeit nicht zuerst ein System, eine Moral oder eine Organisation. Sie bringen ihnen Christus und geben damit Hoffnung weiter, die nicht aus ihnen selbst kommt, sondern aus Gott.

Das ist bis heute die Grundaufgabe von Christinnen und Christen: Gott zur Sprache zu bringen. Nicht laut, nicht aufdringlich, nicht mit leeren Worten. Sondern so, dass Menschen ahnen und vielleicht sogar erfahren können: Gott ist da. Er spricht uns an. Und wir? Wir können antworten.


Musik II: Ralf Hütter, Florian Schneider, Mitternacht (Kraftwerk)


Die Erfahrung, von Gott angesprochen zu werden, macht ein Text aus dem Alten Testament anschaulich. Der Prophet Jeremia wird von Gott berufen (vgl. Jer 1,4-9). Zunächst weicht Jeremia aus und sagt: „Ich bin noch zu jung. Ich kann nicht reden.“ Gott aber antwortet ihm: „Ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Darin zeigt sich etwas sehr Wesentliches: Wer von Gott spricht, verfügt nicht über Gott. Sondern er lässt sich in Dienst nehmen. Er wird zur Stimme, ohne selbst zur Hauptsache zu werden. Jeremia glaubt, indem er sich Gott überlässt, und wird so zu seinem Sprachrohr. In diesem Sinn mussten auch Petrus und Paulus zum Sprachrohr einer neuen Sprache werden, der Sprache des Evangeliums. Und die ist nicht zuerst eine Sprache der Macht, sondern der Befreiung; nicht eine Rede, die kleinmacht, sondern eine, die Würde gibt, das Herz berührt und den Verstand erreicht. Eine solche Sprache weckt Glauben, der den Menschen nicht überwältigen will, sondern ihn öffnet für eine Wahrheit, die frei macht. Genau diese Freiheit müssen Petrus und Paulus zuvor erfahren haben.

Für mich wird das noch einmal an einer anderen Episode aus dem Leben des Petrus deutlich. Da fragt der auferstandene Christus nach seiner Auferstehung den Petrus dreimal: Liebst du mich? Er fragt also nicht nach Anerkennung und Leistung. Er fragt nach Liebe. Und gerade dadurch wird Petrus neu gesendet. Denn aus der Liebe soll er jetzt leben, in ihr handeln und durch sie Zeuge werden für die Nähe Gottes.

Der mittelalterliche Philosoph und Theologe Duns Scotus hat dafür ein großes Wort gefunden: Gott will Mitliebende. Das scheint mir ein einfacher und zugleich sehr tiefsinniger Satz zu sein. Die Sprache, die alle Menschen verstehen können, ist nämlich die Sprache der Liebe. Gemeint ist eine Liebe, die den anderen sieht, die Nähe schafft, Verantwortung übernimmt und Verstand und Herz zusammenführt. Diese Sprache gilt es immer wieder zu sprechen. Es gilt die Botschaft der Liebe in jeder Zeit neu zu sagen und zu übersetzen.


Musik III: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sehet welche Liebe hat uns der Vater erzeiget, aus Paulus, op. 36


Damit sind wir mitten in unserer Gegenwart. Auch heute stehen wir vor der Frage: Welche Sprache sprechen wir? Welche Sprache versteht unsere Zeit? Und wie bringen wir Gott zur Sprache in einer Welt, in der sich die Formen der Kommunikation immer schneller verändern?

Allein durch die sozialen Medien erlebt die gesamte Menschheit einen beschleunigten technischen, wirtschaftlichen und damit verbunden auch einen kulturellen Wandel. Fast alle Lebensbereiche unterliegen einer Dynamik und einer immer schneller werdenden Veränderung. Besonders deutlich wird das im Blick auf die Künstliche Intelligenz. Durch sie verändert sich, wie wir schreiben, suchen, lernen, entscheiden und miteinander kommunizieren. Texte können erzeugt, Bilder geschaffen, Stimmen nachgeahmt, Daten ausgewertet und Zusammenhänge erkannt werden.

Papst Leo XIV. hat in seinem ersten großen Lehrschreiben über die großartige Menschheit „Magnifica Humanitas“ die Schönheit und Würde des Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Und von dort her blickt er auf die großen Herausforderungen unserer Zeit, genauer auf die Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz. Papst Leo betont: Wir müssen nicht nur eine neue Sprache lernen. Wir verstehen vielmehr neu vor der alten und tiefen Frage: Wer ist der Mensch?

Der Mensch ist mehr als seine Leistung, er ist mehr als die Summe von Daten. All das, was sich berechnen, optimieren oder technisch steigern lässt, erfasst ihn nicht im Ganzen. Zum Menschsein gehören Vernunft und Freiheit, Gewissen und Verantwortung, Leib und Seele, Verstand und Gefühl. Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber nicht nur das. Er bleibt verletzlich, angewiesen auf Beziehung, Nähe und Vertrauen, auf Erinnerung und Hoffnung.

Künstliche Intelligenz kann in vielem helfen: Arbeit erleichtern, Muster sichtbar machen, Bildung unterstützen, Forschung fördern und Kommunikation ermöglichen. Als Werkzeug ist sie nützlich. Aber sie bleibt ein Werkzeug. Sie kann rechnen, ordnen, kombinieren, vorschlagen. Verantwortung übernehmen kann sie nicht. Sie hat kein Gewissen, keine eigene Lebensgeschichte, keine Erfahrung von Schuld, Vergebung, Leid oder Trost. Und gerade hier zeigt sich, dass der Mensch eben mehr ist. Nach christlicher Vorstellung ist der Mensch Geschöpf Gottes. Er ist von Gott gewollt, geschaffen und zur Gemeinschaft gerufen. Darum kommt jedem Menschen eine Würde zu, die nicht eigens erworben werden muss und nicht verloren gehen darf. Sie hängt nicht an Leistung, Intelligenz oder Nützlichkeit. Sie gilt, weil der Mensch Mensch ist.


Musik IV: Ralf Hütter, Florian Schneider, Die Mensch-Maschine (Kraftwerk)


Ich komme noch einmal zurück auf die Kommunikation und die Sprache, die sich radikal verändern im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Ich bin überzeugt: Die digitale Welt braucht eine Ethik der Menschenwürde. Technik soll dem Menschen dienen, ihn aber nicht ersetzen. Menschliche Freiheit darf sie nicht untergraben; ebenso wenig darf sie den Menschen auf Daten, Nutzen oder Effizienz reduzieren. Wo Maschinen schneller, ausdauernder oder scheinbar intelligenter arbeiten als Menschen, darf der Mensch nicht klein gemacht werden. Im Gegenteil: Gerade dann müssen wir neu sagen, was ihn auszeichnet.

Der Mensch ist stark und schwach zugleich. Er kann Großes schaffen und bleibt doch auf andere angewiesen. Er kann die Welt gestalten, ist aber nicht ihr Schöpfer. Lernen, Entwicklung und auch Selbstverbesserung gehören zum Menschsein. Doch der Mensch übersteigt sich nicht durch Optimierung seiner selbst. Er wächst durch Begegnung: mit anderen Menschen und im Letzten durch die Begegnung mit Gott, der – wie wir Christen sagen – die Liebe ist. Und Liebe zeigt sich nicht abstrakt, sondern konkret. Daher ist auch christlicher Glaube nie körperlos, sondern lebt von Zeichen, Nähe und Gemeinschaft.

Künstliche Intelligenz darf Mittel sein, aber nicht Maßstab. Auch für die Verkündigung kann sie hilfreich werden: beim Übersetzen, beim Ordnen von Wissen, beim Erschließen von Texten, vielleicht auch beim Finden neuer Formen der Kommunikation. Das Evangelium selbst kann sie aber niemals ersetzen. Denn die Botschaft Gottes hat ihren Mittelpunkt nicht in einer Technik, sondern in einem lebendigen Wesen, in Jesus Christus.

Für Christinnen und Christen ergibt sich daraus ein Auftrag. Die Möglichkeiten der digitalen Welt weder ängstlich verwerfen noch unkritisch feiern. Es bleibt als Maßstab immer zu fragen: Dient sie dem Leben, stärkt sie die Freiheit, ermöglicht sie Bildung, fördert sie Gerechtigkeit, unterstützt sie Frieden und führt sie die Menschen zusammen? Kurz gesagt: Auch in der digitalen Welt gilt die Sprache der Liebe. Auch sie will gelernt sein, indem sie nach Verantwortung fragt und nach den Schwachen, nach denen, die im technischen Fortschritt nicht mitkommen, und nach Menschen, die unsichtbar werden, weil sie nicht leistungsfähig, nicht vernetzt oder nicht wertschöpfend erscheinen. Gerade diesen Menschen gilt die Würde, von der der christliche Glaube spricht. Gerade ihnen gilt die Liebe Gottes.

So verbindet sich unsere gegenwärtige Herausforderung wieder mit den Herausforderungen von Petrus und Paulus. Denn auch sie mussten in ihrer Welt eine neue Sprache lernen und das Evangelium so sagen, dass Menschen es verstehen konnten. Dabei überschritten sie Grenzen: zwischen Juden und Heiden, zwischen Kulturen, Sprachen und Lebenswelten. Mut war nötig und die Bereitschaft zu lernen, dass Gottes Wort größer ist als die eigenen Sicherheiten.


Musik V: Felix Mendelssohn-Bartholdy, O welch eine Tiefe des Reichtums, der Weisheit und Erkenntnis Gottes, aus Paulus, op. 36


In Gedanken kehre ich noch einmal zum Petersplatz in Rom zurück, wo morgen der Apostel Petrus und Paulus in besonderer Weise gedacht wird. Seine Weite ist für mich ein Bild für die Kraft des Glaubens: hier verbinden sich die Menschen über Grenzen hinweg. Hier sind unzählige Sprachen zu hören. Menschen aus vielen Ländern, Kulturen und Lebensgeschichten kommen dort zusammen. In dieser Vielfalt zeigt sich, dass der christliche Glaube nicht an eine einzelne Sprache, Herkunft oder Kultur gebunden ist. Aber dieser Glaube hat eine Mitte: Jesus Christus, der verkündigt werden soll in immer neuen Sprachen. Dabei kann die Technik helfen, wissend, dass die Botschaft Christi nie in einer Sprache ganz aufgeht – auch nicht in der digitalen. Allerdings wird diese Sprache dort verstanden, wo Menschen einander ernst nehmen, Verantwortung übernommen wird und die anderen nicht zum Mittel eigener Zwecke gemacht werden. Duns Scotus hat recht: Gott will Mitliebende. Petrus und Paulus haben diese Sprache gelernt und sie gesprochen: mit ihrem Leben, mit ihren Worten und mit ihrer Hoffnung. Bleiben wir Lernende dieser Sprache der Liebe. Denn sie richtet Menschen auf. Und in ihr kommt Gott selbst uns nahe und bleibt, weil Gott selbst die Liebe ist.


Musik VI: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Ouvertüre, aus Paulus, op. 36


Am Tag vor dem Hochfest von Peter und Paul grüßt Sie Ihr Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen.




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