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Kirche in WDR 5 | 18.05.2026 | 06:55 Uhr
Assi
Vor ein paar Jahren habe ich im Duisburger Norden gearbeitet. Unsere Pfarrkirche lag ziemlich außerhalb. Nicht mitten im Leben, eher am Rand. Ein guter Ort für Ruhe. Aber eben auch ein guter Ort für Jugendliche, die einfach irgendwo sein wollten. Mit Mopeds, Bier und Zigaretten. Manchmal wohl auch mit Gras. Hauptsache: Hier sieht’s erstmal keiner. Naja. Fast keiner …
Denn geredet wurde natürlich trotzdem. Und zwar schnell. Und abfällig. „Schon wieder diese Assis.“ Diesen Satz habe ich damals oft gehört. Und ich fand das schon damals seltsam. Einerseits höre ich in Kirche ständig die Frage: „Wo sind denn die jungen Leute?“ Andererseits stehen Jugendliche vor der Kirche — und plötzlich sind sie nur noch: die Assis. Als gäbe es da nichts mehr zu sehen. Keine Geschichte. Kein Gesicht. Keine Sehnsucht. Nur noch ein Etikett.
Und dann kam Ostern. Die Osternacht 2023. Osterfeuer. Die Kirche voller Erwartung. Noch zehn Minuten bis zum Start. Und draußen: mal wieder Jugendliche. Ich stehe mit dem Gottesdienst-Team in voller Kirchen-Montur in der Sakristei. Und dann fällt da wieder dieser Satz: „Schon wieder die Assis.“ Und mir ist plötzlich klar: Ich mache da nicht mehr mit. Nicht beim Lästern. Nicht bei den Vorurteilen. Keine Schubladen mehr. Heut ist Ostern. Für alle. Also gehe ich raus, in meiner – zugegeben – cringen Gottesdienst-Montur. Und spreche die Jugendlichen an: „Habt ihr Bock, mitzumachen? Muss auch nicht lang sein. Aber vielleicht am Osterfeuer? Ihr könnt auch die Osterkerze halten.“
Und dann das Osterwunder. Die sogenannten „Assis“ bleiben nicht einfach draußen stehen. Sie ziehen nicht ab. Sie ziehen mit. Zwei Jungs mit tief sitzenden Hosen halten die Osterkerze am Feuer. Und eine Jugendliche mit glitzernden Fingernägeln trägt das riesen Teil in die dunkle Kirche.
Ich sehe das heute noch vor mir: Alles dunkel. Nur diese eine Kerze. Und dieses Glitzern. Das Licht kam in unsere Kirche durch Hände, die andere am liebsten draußen gehalten hätten.
Jetzt habe ich Ihnen ziemlich viel über Ostern erzählt. Dabei ist nächste Woche ja schon Pfingsten. Aber für Christen endet dann erst die Osterzeit. Und genau genommen war mein „Osterwunder“ ja ein Pfingstwunder. Pfingsten heißt: Rausgehen. Pfingsten ist: Verstehen. Pfingsten ist da, wo unerwartetes passiert. Wo Vorurteile fallen. Nicht da, wo alles vorbereitet, sauber und erwartbar ist. Pfingsten beginnt draußen. Vor der Kirche. Bei denen, die nicht ins Bild passen. Bei denen, über die andere schon längst ihr Urteil gefällt haben. Und manchmal beginnt Pfingsten schon an Ostern, wie vor drei Jahren.
Kurz vor Pfingsten und seit dieser Osternacht ist das für mich die eigentliche Frage: Traue ich Gott wirklich noch zu, dass er mich in meinem Leben überrascht? Traue ich anderen Menschen mehr zu als das Etikett, das auf ihnen klebt?
Kommen Sie mal raus! Auch aus Ihren Vorurteilen! Das wird dann ein Pfingsten – das kann ich Ihnen sagen!
Ich grüße Sie aus Münster.
Ihr Stephan Orth.
