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Blinddate mit Jesus
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Kirche in WDR 2 | 21.10.2026 | 05:55 Uhr

Blinddate mit Jesus

Die Religionslehrerin guckt die Kinder fragend an: „Guckt mal Kinder, seht ihr, was da oben im Baum sitzt?“ Peter runzelt die Stirn und antwortet: „Ich würde ja sagen, das ist ein Eichhörnchen aber wie ich diesen Laden hier kenne, ist es bestimmt das liebe Jesulein.“

Dieser Witz ist ziemlich alt aber noch immer gut. Weil er etwas anspricht, was viele Menschen kennen, wenn es um spirituelle Fragen geht, um Religion und Tradition. Geht mir nicht anders: Da ist manches vorhersehbar und eingeschliffen. Und mitunter auch wunderlich. Das fängt bei der Sprache an – Stichwort „liebes Jesulein“, das klingt arg betulich. Und blickt man auf die Rituale, die in verschiedenen Religionen gepflegt werden, kann das von außen auch schon mal Irritationen hervorrufen: Die einen staunen über Weihrauch, der andächtig über die Gemeinde verteilt wird, die anderen über Räucherstäbchen, die feierlich entzündet werden. Die Welt der spirituellen und Religiösen Rituale ist bunt – und eben auch oft wunderlich: Ich weiß noch wie verstört ich war, als ich das erste Mal in der Grabeskirche in Jerusalem war. Der Ort, an dem Jesus gelitten hatte und gestorben ist – er wirkte auf mich wie eine Markthalle für Frommes. Ich sah, dass viele Menschen tütenweise Rosenkränze, Kreuze und Stoffbündel dabeihatten, um alles einzeln auf den Stein zu legen, der möglicherweise der Salbungsstein von Jesus gewesen sein könnte. Für sie war er wie eine Art Ladestation für Gottes Gnade. Für mich schlicht eine Steinplatte. Ich ahne, da geht es mir ähnlich wie Peter aus dem Witz: Manche Dinge in meinem Glauben sehe ich auch eher nüchtern.

Aber ich finde das spannend: Auch wenn man an ein und denselben Gott glaubt, kann man doch ein anderes Bild von ihm haben und von seiner Weise in dieser Welt wirksam zu sein. Christen lesen dieselben Bibeltexte und ziehen daraus doch ganz unterschiedliche Schlüsse. Das finde ich immer wieder erstaunlich. Erst kürzlich, abends bei einer Feier bei Freunden hatte ich ein Gespräch mit einem pensionierten Religionslehrer, der sich entrüstete, weil er findet, dass Jesus viel zu lange viel zu sehr verharmlost wurde. Und er hat mir eindringlich dazu geraten, das Buch meines neuen Bischofs zu lesen. Das trägt Titel: „Gott ist nicht nett!“ – Bischof Heiner Wilmer hats geschrieben.

Und da ist schon was dran. An ein harmlos liebes Jesulein glaube ich auch nicht. Er hat durchaus radikal gefordert, ihm nachzufolgen.
Zuspruch und Anspruch zugleich. Nicht nur betulich. Nicht nur nett – der Gottessohn. Wobei – auch darüber lässt sich streiten.

Vor kurzem wurde mir in einer Fortbildung ein Gebet geschenkt. Das stammt vom Heiligen Philipp Neri und ist schon um 500 Jahre alt. Gepackt hat mich der letzte Satz: „Jesus, sei mir Jesus.“ Den kriege ich nicht mehr aus dem Kopf. Weil diese Bitte für mich nur dann Sinn macht, wenn ich mal radikal ausmiste in meiner Liste mit den Annahmen darüber, wer und wie Jesus ist. Wenn er nicht mehr so vorhersehbar ist. Das ist wie ein Blinddate: Mal gucken, wer da kommt. Und wie sich das anfühlt mit uns.



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