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Das Geistliche Wort | 18.01.2026 | 08:40 Uhr
Kirche und Karneval
Guten Morgen!
Meine Stadt Köln hat sich in den letzten Tagen verändert. Wieso? Seit letztem Sonntag ist die Weihnachtszeit offiziell vorbei und eine neue Zeit hat angefangen: die Karnevalszeit. Das merkt man hier sofort, ohne auf den Kalender zu schauen. Die Stadt atmet anders. Die Schaufenster wurden umdekoriert. Wo gestern noch weihnachtlicher Schmuck mit goldenen Kugeln und schön geschmückten Tannenbäumen zu sehen waren, finden sich heute bunte Kostüme, Luftschlangen und Kamellebeutel. Nun, da die „weihnachtlich-besinnliche Zeit“ vorbei ist, wird alles etwas lauter, das Lachen ändert sich, es kommt früher, es sitzt einfach lockerer. Ich weiß wovon ich rede, denn ich lebe hier in dieser Stadt als Priester und Seelsorger seit 22 Jahren. Ich bin Domkapitular Dominik Meiering und leite die Kölner Innenstadtpfarreien.
Musik I: Florian "Flo” Peil, Sing mich noh Hus (Kasalla)
In den kommenden Wochen finden hier in
Köln Tag für Tag wunderbare, farbenfrohe und fröhliche Veranstaltungen statt.
Große und kleine, leise und laute. Im Veedel, in den Sälen, und dann natürlich
zwischen Weiberfastnacht und Karnevalsdienstag auf der Straße. Von meiner
Wohnung am Kölner Dom kann ich das Tag für Tag sehr intensiv miterleben. So
manche Touristen suchen zunächst erstaunt Orientierung – wenn z.B. ein ganzes
Regiment eines Kölschen Traditionskorps durch die Stadt zieht und Musik macht.
Und
wir Kölner freuen uns einfach und
schwingen innerlich mit. Wir sagen hier immer ziemlich selbstverliebt: „Su jet
jitt et nur in Kölle.“ „So etwas gibt es nur in Köln.“ Denn das ist wirklich
typisch für Köln. Hier passiert das karnevalistische Leben nicht nur an einem
Ort, sondern überall gleichzeitig, als würde die Stadt in diesen Wochen auf
einmal noch ein bisschen mehr sie selbst sein.
Und natürlich bin ich nicht nur mittendrin, sondern ich mache auch mit. Heute Nachmittag gehe ich auf die Domsitzung. Eine Sitzung von Menschen am Kölner Dom für Menschen am Kölner Dom. Und ich bin mir ziemlich sicher: Das wird – wie jedes Jahr – wunderbar. Genau dieses Von und Für ist für mich ein guter Anlass, einmal genauer hinzuschauen. Auf etwas, das viele auf den ersten Blick vielleicht gar nicht zusammenbringen, zumal wenn sie nicht in einer Karnevalshochburg wie Köln oder Düsseldorf leben: Ich meine das Verhältnis von Kirche und Karneval.
Ich weiß: Für manche passt das nicht zusammen. Da kommen dann schnell die bekannten Sätze: zu laut, zu albern, zu viel Alkohol, zu wenig Ernst. Und ja, natürlich wird im Karneval auch Blödsinn gemacht. Manchmal sogar ziemlich viel. Aber – Karneval ist mehr als Krach und Kostüm, und Kirche ist mehr als Stille und Weihrauch. Und beide haben mehr gemeinsam, als man so denkt. Karneval – so verstehe ich das jedenfalls – beginnt nicht erst am Elften im Elften und nicht erst mit der ersten Sitzung im neuen Jahr. Er beginnt viel früher und viel leiser, fast unmerklich. Er beginnt mit Gesprächen, mit Erinnerungen, mit diesen typischen Sätzen: „Weißte noch letztes Jahr?“ oder „Da freu ich mich jetzt schon drauf.“ Karneval ist Vorfreude. Und Vorfreude ist etwas sehr Menschliches. Man plant, man überlegt, wohin man geht, wen man trifft, wen man vielleicht in diesem Jahr endlich wieder sieht. Und irgendwann merkt man: Es geht gar nicht zuerst um das Kostüm. Es geht um Begegnung. Es geht um das Rausgehen aus der eigenen Wohnung und um das Rauskommen aus dem eigenen Trott. Es geht um dieses leise, aber starke Gefühl: Ich bin nicht allein. Karneval ruft den Menschen heraus, ruft zur Begegnung. Und genau nichts anderes heißt Kirche, griechisch „ecclesia“, die Herausgerufene.
Das ist der erste Punkt, an dem Kirche und Karneval sich berühren. Beide holen Menschen heraus – aus dem Alleinsein, aus dem ständigen Funktionieren, aus dem Stillhalten. Beide sagen auf ihre Weise: Komm! Sei da! Mit dem, was und wie du bist. Und vielleicht ist das schon mehr, als man auf den ersten Blick denkt.
Musik II: Fred Hook, Drink doch ene mit (Bläck Fööss)
Wenn man historisch ein bisschen zurückgeht, stellt man schnell fest: Karneval ist alt. Sehr alt. Und er ist nicht einfach erfunden worden, weil Menschen irgendwann Lust auf Feiern hatten. Karneval ist gewachsen, über viele Jahrhunderte, und er hängt viel enger mit der Kirche zusammen, als viele heute vermuten.
Früher im Mittelalter war der Jahresablauf, der große Taktgeber des Alltags bestimmt durch das sogenannte Kirchenjahr. Das begann mit dem Advent und nicht mit Sylvester. Zeiten wechselten sich ab: Zeiten der Freude und Zeiten der Stille, Zeiten des Feierns und Zeiten des Verzichts. Ostern stand im Zentrum, das Fest der Auferstehung Jesu Christi, das sagt: Das Leben hat das letzte Wort. Nicht Angst und Tod.
Aber bevor Ostern gefeiert wird, gehen
Christen durch die Fastenzeit. Vierzig Tage, die bewusst anders sind. Vorbild
dafür ist Jesus, der vierzig Tage in der Wüste gefastet hat, so die Bibel. Und
so heißt es dann vor Ostern: 40 Tage fasten, nachdenken und Buße tun. Aber nicht
als Strafe, nicht als moralischer Druck, sondern als
Zeit, in der man innehalten und sich fragen
kann: Was
brauche ich wirklich, was
trägt mich und wovon kann oder sollte ich mich lösen?
Und genau bevor das losgeht liegt der Karneval. Es geht darum, dem Fleisch lebewohl zu sagen, was „carne vale“ wörtlich übersetzt heißt. Und hier in Köln heißt er Fasteloovend – der Abend vor dem Fasten. Nur das es mehr als ein Abend ist! Bevor es also stiller wird, darf es noch einmal laut sein. Bevor man sich sammelt, darf man mal loslassen. Bevor es ernst wird, darf gelacht werden. Nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus Vertrauen, dass zum Leben immer der Kontrast und damit der Rhythmus gehört.
Dieser Rhythmus ist alt, und er ist existenziell. Denn Karneval ist auch in Zeiten entstanden, in denen der Winter den Menschen existentiell gefordert hat, echte Lebensangst gemacht hat. Kälte, Hunger, Krankheit und Tod waren keine abstrakten Begriffe, sondern wurden täglich erfahren. Der Winter war keine romantische Jahreszeit, sondern bedrohte den Menschen. Das ist übrigens gar nicht so weit weg von unserer heutigen Situation: Wenn plötzlich ein Kälteeinbruch kommt, wenn über Angriffe auf kritische Infrastruktur berichtet wird, wenn Menschen tagelang ohne Strom und Wärme auskommen müssen, dann merkt man sehr schnell, wie fragil unser Alltag ist. Wie dünn das Eis der Selbstverständlichkeiten ist, auf dem wir stehen.
Und wenn dann Entlastung kommt, wenn sich etwas aufhellt, wenn Gefahr vorüberzieht, dann geschieht oft genau das, was Menschen schon immer getan haben: Man atmet auf. Man ist dankbar. Man feiert. Nicht aus Leichtsinn, sondern weil man es geschafft hat. Weil man noch da ist.
Genau hier liegt wieder die tiefe Verbindung zum christlichen Glauben. Auch er erzählt diese Bewegung: vom Dunkel ins Licht, von der Angst zur Hoffnung, vom Tod zum Leben. Ostern ist die große Erzählung davon. Karneval ist, wenn man so will, das laute menschliche Vorspiel vor dem stilleren Weg der Fastenzeit auf Ostern zu.
Musik III: Michael Korb, Ulrich Roever, Highland Cathedral (Red Hot Chilli Pipers)
Ich bin für manche Karnevalsgesellschaft der Gesellschaftspfarrer. Bei meinem Traditionskorps vom Treuen Husar nennt sich das sogar Regimentspfarrer. Das ist eine wunderbare Aufgabe. Ich erfahre dabei, dass mir viele Menschen ihr Vertrauen schenken.
Sie kommen auf mich zu mit ganz einfachen Fragen: Wo können wir unser Kind taufen lassen? Würdest du uns trauen? Wo gibt es einen Gottesdienst, der zu uns passt? Meine Mutter ist gestorben – würdest du die Beerdigung übernehmen? Das sind alltägliche Anfragen, die für die Betroffenen aber oft große Wendepunkte im Leben markieren. Und nicht selten schwingt dabei der Gedanke mit: Oh – mit dem karnevalistischen Pastor hier konnte ich feiern, den könnte ich ja einfach mal ansprechen. Und das ist gut so. Wenn Karneval hilft, Menschen auf eine unmittelbare, unkomplizierte Weise wieder mit Fragen nach Glauben und Sinn in Berührung zu bringen, dann bin ich gerne Regimentspfarrer.
Es geht um Begleitung, um Gespräche. Um Rat, Hilfe, Ideen und Perspektiven. Es geht darum, miteinander Gemeinschaft und Glauben zu erfahren Und natürlich auch um die großen Gottesdienste, die Mess op Kölsch und dem jährlichen Totengedenken.
Musik IV: Willi Ostermann, Heimweh nach Köln (Willy Ketzer)
Es scheint heutzutage immer noch etwas Besonderes zu sein, wenn man in der Kirche herzlich lacht und bei der Feier der Sakramente Freude verbreitet und ausstrahlt. Es hilft ja alles nichts: Man kann nicht ständig nur klagen über die verrückt gewordene Welt. Es braucht auch den inneren Abstand, die Fähigkeit, über Dinge zu lachen. Einen Abstand, der nicht zynisch ist, sondern getragen. Lachen drückt Gelassenheit aus, ist ein Zeichen von Befreiung und innerer Leichtigkeit. Etwas, das nicht aus einem selbst kommt, sondern geschenkt ist.
Deshalb widerspricht das Lachen im Karneval nicht dem Ernst des Glaubens. Im Gegenteil. Nur wer innerlich frei ist, kann lachen. Und nur wer weiß, dass er gehalten ist, kann diese Freiheit zulassen. Wer lachen kann, hat Abstand – zu sich selbst, zu den eigenen Sorgen, zur eigenen Wichtigkeit. Das entkrampft und relativiert. Das gibt Luft zum Atmen.
Im Karneval spüre ich das. Rollen werden vertauscht, Mächtige werden karikiert, das Leben wird ein wenig entlarvt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Liebe zum Menschlichen. Viele Diktatoren der Geschichte zeichnen sich dadurch aus, dass sie es nicht ertragen, wenn man über sie lacht oder sich über sie lustig macht. Nun hat auch Wladimir Putin den Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jaques Tilly wegen seines Russlandkritischen Mottowagens im vergangenen Jahr verklagt. Dabei sind „Kunst und Karneval … gelebter Ausdruck unserer demokratischen Meinungsfreiheit“, sagte Hendrik Wüst der Ministerpräsident von NRW.[1]
Ja mehr noch: Das Lachen ist existentiell wichtig! Es nimmt das Schwere. Und manchmal sogar Schuld. Viele Heilige haben das gewusst. Sie waren nicht oberflächlich fröhlich, aber frei genug, sich selbst nicht zum Maß aller Dinge zu machen. Menschen, die keinen Humor ertragen, stehen oft unter großem inneren Druck. Denn in einer Gemeinschaft gehört man oft erst dann richtig dazu, wenn über einen gelacht werden darf – nicht verletzend, aber herzlich. Weil die anderen wissen: Du lachst mit. Einen reifen Menschen erkennt man oft daran, dass er über sich selbst lachen kann. Vielleicht ist Karneval genau dafür da. Nicht um alles lächerlich zu machen, sondern um innerlich frei zu werden.
Musik V: Robert Schumann, Faschingsschwank aus Wien, op 26 (für Klavier) / Karneval klassisch - op 4712 (Kobayashi, Yuka)
Karneval kann man nicht allein feiern. Das geht nur gemeinsam. Und karnevalistische Freude entsteht auch nicht von allein. Eine Prunksitzung zum Beispiel entsteht nicht von allein, ein Karnevalszug rollt nicht von selbst. Und deshalb ist es großartig, dass sich nicht nur in Köln so viele Menschen mit Zeit, Kraft, Geduld und Herzblut in den Karneval investieren. Fast alle ehrenamtlich, oft im Verborgenen.
Übrigens: In diesem Jahr gibt es hier in Köln – wie jedes Jahr – wieder ein Karnevalsmotto: „Mer dunn et för Kölle“. „Wir tun das für Köln.“ Dieser Satz ist mehr als ein Motto für eine Stadt. Er beschreibt eine Haltung. Menschen bringen sich ein mit dem, was sie können, was sie mitbringen – und zwar immer auch für andere. Und plötzlich passiert etwas: Eine Stadt lebt auf. Menschen werden angesprochen und mitgenommen, fühlen sich zugehörig. Hier ist der Karneval eine Schule fürs Leben! Weil er zeigt: Allein feiern geht nicht. Und als katholischer Priester sage ich dann immer: Und alleine glauben, das geht auch nicht.
Wenn Kinder lachen, wenn Fremde miteinander singen, wenn Sorgen für einen Moment leichter werden, dann ist das kein oberflächlicher Spaß. Dann ist das ein Vorgeschmack. Und jetzt spreche ich wieder als Karnevalist und Mann der Kirche: Vielleicht ist Karneval genau das: ein Stück Himmel.
Musik VI: Florian "Flo” Peil, Sing mich noh Hus (Kasalla)
Und vielleicht ist das am Ende die größte Gemeinsamkeit zwischen Kirche und Karneval: dass beide davon leben, dass Menschen sich einlassen. Aufeinander, auf das Leben. Auf die Hoffnung, dass Angst und Tod nicht das letzte Wort haben.
Und vielleicht lacht Gott ja mitten unter uns. Über unsere Kostüme. Über unsere Macken. Und natürlich darüber, dass wir es immer wieder versuchen: zu leben, zu hoffen und zusammenzuhalten. In diesem Sinne: Alaaf auf das Leben. Alaaf auf Köln. Und Alaaf auf eine Gemeinschaft, die trägt – im Glauben und im Karneval.
Aus Köln grüßt Sie Domkapitular Dominik Meiering
[1] Vgl.: https://www1.wdr.de/nachrichten/russland-jacques-tilly-wagenbauer-putin-klage-wuest-100.html .
