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Die friedliche Revolution
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Kirche in WDR 5 | 09.10.2026 | 06:55 Uhr

Die friedliche Revolution

Einen guten Freitagmorgen wünsche ich Ihnen. Und wenn ich auf das heutige Datum schaue – den 9. Oktober – dann habe die Sprechchöre im Ohr: „Wir sind das Volk“. Und „Keine Gewalt“. Der 9. Oktober 1989 ist sozusagen der notwendige Prolog zum 9. November, zum Tag des Mauerfalls. Ich bin im Rheinland aufgewachsen und war damals 19 Jahre alt und mit meinem Abi beschäftigt; also irgendwie insgesamt ziemlich weit weg von dem, was da geschah als friedliche Revolution in Leipzig, hinter der deutsch-deutschen Grenze. Ich kenne das alles nur durch die heimlichen Filmaufnahmen, die in den Westen geschmuggelt wurden und dann bei uns und rund um den Erdball in den Nachrichten landeten. Aber ich fühle – heute viel mehr als damals – was für eine Wucht die Demonstrationen des 9. Oktober in Leipzig hatten. Und welchen Mut die Menschen hatten, für Freiheit und gegen gewaltvolle Unterdrückung auf die Straße zu gehen- ja unter Einsatz ihres Lebens. Kultur und Kirche standen damals in der ersten Reihe, als es darum ging, den Menschen Hoffnung und eine Stimme zu geben. Grade der Kirche ist es doch in die DNA geschrieben, dass sie ihren Platz an der Seite der Schwachen und Ungehörten hat. Was für eine Katastrophe, wenn sie sich weg duckt oder gar selber zum Täter wird.

Es ist wieder Herbst. Die Zeiten sind rauh. Es ist wieder wichtig, dass die Kirchen, die Kultur, die Zivilgesellschaft, ja, jeder Einzelne, die Stimme erhebt, denn auf dem Spiel steht, was meiner Generation so selbstverständlich schien, eben jene auch am 9. Oktober 1989 im Osten Deutschlands gewaltfrei erkämpfte Freiheit und Offenheit. Anders steht das auf dem Spiel, ja. Aber doch erkennbar. Diesmal nicht als Ausbruch aus einem angsteinflößendem, totalitären System, sondern eher als Flucht in ein solches hinein. Hass und Gewalt gegen Andersglaubende, Andersliebende, Andersdenkende werden langsam zu etwas, an das wir uns gewöhnen, weil sie immer öfter in den Nachrichten auftauchen. Bloß nicht!

Ich verstehe: Wo das eigene Leben und die Gesellschaft drum herum keinen Halt mehr finden, entsteht Angst. Wo Unsicherheit den Alltag bestimmt wächst der Wunsch danach, dass jemand mit starker Hand für Ordnung sorgt. Doch ich bin zu 100% und aus tiefster Seele überzeugt: Abschottung, Ausgrenzung und Spaltung sind niemals die Antworten auf die Frage: „Wie wollen wir miteinander leben?“ Wenn ich in meiner Religion und meinem Leben eins verstanden habe, dann das: Starre, einengende und lebenserstickende Systeme müssen aufgebrochen werden, damit Menschen sich und ihr Potential entfalten können. Und: ein friedliches Miteinander lähmt nicht die Gesellschaft, es bringt sie nach vorne.

Schwerer Tobak für einen Freitagmorgen – aber dieser Morgen eines 9. Oktobers ist genau richtig, die Werte des friedlichen und buntes Miteinanders hochzuhalten und – wenn es sein muss – zu verteidigen. Genau da, wo ich heute und an diesem Wochenende darauf stoße: An meinem Arbeitsplatz, in meiner Nachbarschaft, beim Essen mit Freunden. In der Bahn, an der Kasse. Wo auch immer. Wir sind das Volk – ein Volk mit vielen Herkünften, ein Volk mit vielen Geschichten und mit einer Geschichte. Wir sind ein Volk mit Potential. Das steckt in jedem und jeder, der und die hier lebt. Wir sind ein Volk, das dankbar sein kann für den Frieden, in dem es sich seit so langer Zeit entfalten kann.

Ich bin Martin Kürble und wünsche Ihnen aus Düsseldorf für diesen Wochenabschluss friedliche, herzlich-offene Begegnungen und eine gute Zeit.





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