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Kirche in WDR 3 | 26.08.2026 | 07:50 Uhr
Vertrauen
Guten Morgen! Vor knapp zwei Wochen wurde ich am Knie operiert. Es ging nicht mehr. Der Verschleiß war zu sehr fortgeschritten, die Schmerzen zu heftig. Ich lief herum wie eine lahme Ente. Die Operation hatte ich lange herausgezögert, weil ich mir irgendwie nicht vorstellen konnte, ein künstliches Gelenk, also einen Fremdkörper im Leib zu tragen. Dabei ist das gar nicht ein ganzes Gelenk, was da ersetzt wird, sondern es sind nur Teilstücke. Und schon mit jeder Plombe im Zahn habe ich ja schon etwas Fremdes im Körper. Also waren meine Bedenken auch irgendwie irrational. Außerdem ist die Medizin ja heute schon sehr weit: Der Hightech-Eingriff dauerte nur 75 Minuten. Und am Tag danach konnte ich mein Knie schon wieder belasten. Danke an das OP-Team. Im Nachhinein ist alles gut gelaufen, auch wenn die ambulante Reha ja noch andauert. Aber ich muss noch einmal an die Zeit davor denken, genauer an die Stunden vor der Operation.
Da ging es mir durch den Kopf: Ich muss mich jetzt ganz bewusst anderen Menschen anvertrauen und mein Leben anderen überlassen. Immerhin: Ich werde ja betäubt, also meiner Sinne beraubt, um nichts von dem Eingriff zu spüren, und bin dabei völlig wehrlos. Und das ist ja auch vollkommen gut und richtig so. Ich möchte nicht wissen, was Menschen erduldet haben, als es noch keine Narkose gab und sie operiert wurden. Da kann ich der Medizin nur dankbar sein, dass so etwas heutzutage selbstverständlich ist und Operationen schmerzfrei sind. Aber es bleiben immer Restrisiken. Darüber wurde ich auch vor der Operation aufgeklärt.
Ich weiß natürlich auch: Leben ohne Risiken gibt es nicht. Aber hier, hier setze ich mich bewusst einem Risiko aus, indem ich mich in die Hände von anderen begebe, eben in die Hände der Mediziner. Und das setzt Vertrauen voraus. Ohne Vertrauen geht es nicht. Und das ist mir eben vor der Operation noch einmal sehr bewusst geworden.
Dabei gilt das ja immer und überall: Wenn ich in den Zug einsteige, verlasse ich mich darauf, dass der Lokführer mich sicher ans Ziel bringt. Wenn ich beim Bäcker Brot kaufe, verlasse ich mich darauf, dass er mir genießbare Ware gibt. Usw. So selbstverständlich das ja tagein tagaus ist mit dem Vertrauen: Das ist ein hohes Gut und kann schnell verloren gehen, was ja leider auch immer wieder passiert. Und es kostet dann immer wieder Mut, Vertrauen neu zu schenken – und das umso mehr, wenn mein Vertrauen einmal erschüttert wurde. Es wieder aufzubauen, ist oft anstrengend, dauert sehr lange und gelingt manchmal auch gar nicht mehr.
Und jetzt, jetzt habe ich noch nicht übers sprichwörtliche „Gottvertrauen“ gesprochen – oder vielleicht doch?
Bei mir im Kloster – ich gehöre der Abtei Hamborn in Duisburg an – da beten wir jeden Abend die sogenannte Komplet, das Abschlussgebet des Tages. Und da gibt es einen Antwortgesang, der das Vertrauen zum Inhalt hat. Dass wir das jeden Abend beten, zeigt einmal mehr, wie schwer es fällt, Vertrauen einzuüben. Und wir wiederholen es in der Komplet jeden Abend dreimal, was eben noch einmal unterstreicht: Vertrauen ist nicht selbstverständlich. Es heißt da im Gebet an Gott: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“ Vertrauen zu üben, ist eben schwer – aber ohne Vertrauen geht es nicht, weder vor einer Operation noch sonst im Leben.
Aus Duisburg grüßt Sie Pater Philipp Reichling
