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Kirche in WDR 3 | 11.04.2026 | 07:50 Uhr
Ich bin viele
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Wie in einem Wachtraum. Ich weiß nicht: Sind es schon meine Gedanken — oder denkt, phantasiert da etwas in mir? Ich finde solche Momente interessant, weil sie mir etwas zeigen, das ich sonst von mir nicht kenne.
Allerlei Verschiedenes, Gegensätzliches: Da ist der, der funktionieren will und zugleich auch zweifelt. Der gern gleich loslaufen möchte und dann doch lieber liegen bleibt. Der konzentriert ist und im nächsten Augenblick schon wieder ganz woanders. Ungeordnet — und doch einfach „offen und ehrlich“. Das gefällt mir.
In der letzten Woche traf ich Tiemo, einen evangelischen Kollegen aus der Seelsorge und Beratungsarbeit. In einer persönlichen Runde erzählt er von sich etwas ganz Ähnliches: „Ich bin nicht einer, ich bin viele“, sagt er. Und dann legt er los: Er sei Sohn und Vater und Ehemann. Er sei Freund und Gegner. Kollege, Nachbar, Einwohner. Er sei Traumtänzer und Realist. Pfarrer und Spaziergänger. Läufer und Koch. Geschäftsführer und Ausbilder.
Manchmal sei er laut und manchmal
ganz leise. Manchmal gehe er vorneweg und manchmal lasse er sich treiben. Dann
sei er kein Draufgänger, sondern eher ein Leisetreter. Es komme eben drauf an:
auf seine Laune, auf sein Gegenüber, auf das Wetter, auf die Mondphase oder die
Luftfeuchtigkeit. „Manchmal bin ich vielleicht zu viele“, schaut er mich skeptisch an. „Dann
krieg ich mich nicht mehr ganz zusammen. Und dann sagt er:
"Wer bin ich, dass ich sagen soll,
wer ich bin?“
Mich hat die Offenheit meines Kollegen überrascht. Dass er so genau hinschaut. Und dass er mir all dies anvertraut, hat mich berührt. Ich habe mich bei ihm bedankt. Ob meine eigenen Gedanken und Bilder mit seinen etwas zu tun haben?
Ganz sicher aber haben sie zu tun mit einer Geschichte, die in der Bibel steht. Markus erzählt sie im 5. Kapitel seines Evangeliums: Unwegsames Gelände. Vergessenes Land. Keiner, der hier hinwill. Ein Un-Ort, genannt: Gerasa. Weit draußen zwischen den Gräbern kommt ein Mensch auf Jesus zu und sagt: „Ich bin viele.“ Viele Stimmen in mir. Kein Halt. Keine Mitte.
Jesus fragt ihn: Wie heißt du?
Er stellt keine Diagnose. Es gibt keine Bewertung. Nur diese Frage. Jesus ist am Leben dieses Menschen interessiert. An seiner fragilen, seiner fluiden Identität. Er ist ihm ganz zugeneigt: Wer bist du? Du fällst mir auf. Erzähl mir von dir! So wie du bist, bist du gesegnet.
Und auch Sie und ich — wir werden gesegnet sein. Wir können für andere sogar selber Segen sein.
Ludger Verst aus Köln
