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Kirche in WDR 4 | 11.03.2026 | 08:55 Uhr
Ich staune
Zeit zum Staunen. Vor einigen Wochen habe ich
ein Seminar geleitet. Da ging es genau darum: Was lässt mich staunen? Habe ich
als Kind mehr gestaunt als heute? Hat das, worüber ich staune, zu tun mit einer
inneren Sehnsucht von mir? Solchen Fragen sind wir an diesem Wochenende
nachgegangen. In Gesprächen und in kleinen Schreibprojekten. Es entstanden
Geschichten, Gedichte, Texte rund ums eigene Staunen. Alle waren mit großer
Freude dabei. Aber es gab auch einen echten Stolperstein: In einer der ersten
Einheiten brachte ich zahlreiche Zitate übers Staunen mit. Goethe, Aristoteles,
Einstein, Augustinus – etliche Männer und Frauen haben über die Jahrhunderte
Erkenntnisse zum Thema Staunen niedergeschrieben. Darüber ließ sich leicht
diskutieren. Aber dann hab ich ein Bibelzitat in die Mitte geschoben und
gesagt: „Guckt mal, was das bei Euch auslöst.“
Es sind zwei Sätze aus dem Psalm 139. Da
betet einer zu Gott und erzählt davon, dass Gott einen jeden Menschen länger
kennt und begleitet, als er auf der Welt ist. Und dann heißt es: „Ich danke
dir, dass ich so staunenswert gestaltet bin. Ich weiß genau: Wunderbar sind
deine Werke.“ Bähm! Das ist mal ein Statement: Da staunt einer über sich
selbst!
Und genau das war mein Auftrag an die Teilnehmenden im Seminar: Was findest Du staunenswert an Dir? Ich hab sie eingeladen, bei einem Spaziergang zu zweit darüber ins Gespräch zu gehen. Ich sag mal so, Jubelstürme gab es keine. Eher lange Gesichter. Das war meinen Teilnehmenden irgendwie zu viel, zu unangenehm. Ich ahne dahinter die Frage: Darf man das überhaupt? Über sich selbst staunen? Die gute alte Bescheidenheit guckte direkt um die Ecke. Aus meiner Sicht die von der falschen Art. Denn die Einladung zum Staunen ist ja erstmal die Einladung, hinzugucken. Wer staunt, würdigt, was da so alles ist, und schaut nicht drüber weg. Staunen über sich selbst bedeutet ja nicht, sich über andere zu erheben. Denn: Kein Mensch ist nicht erstaunlich. Allein schon, weil wir so erstaunlich unterschiedlich sind.
Das eigene Geworden sein würdigen, ins
Staunen-Kommen über das gar nicht so Selbstverständliche, über das Unerwartete:
das ist doch wichtig für ein aufgeräumtes Ich. Und trotzdem: In meinem Seminar
waren die Widerständer weiter da. Und dann habe ich einen kleinen Trick
angewandt: Wenn Du einen Menschen fragen würdest, jemanden, der Dir nahesteht
und dem du vertraust: Wenn Du den fragst: Was findest Du staunenswert an mir?
Was würde er oder sie antworten? Da plumpsten Steine. Das war die Brücke. Über
die konnten die meisten gehen. So haben sich dann doch fast alle ans Staunen
über sich selbst herangewagt. Und zugleich glaube ich, dass da noch vieles
liegengeblieben ist. Wenn die falsche Bescheidenheit siegt, wird weniger
gewürdigt als möglich. Ich kann das gut verstehen. Mir geht das ja nicht viel
anders. Und dennoch stolpere ich jedes Mal wieder über diesen Psalmvers und
denke: Was für ein mutiger Beter, damals vor fast 3.000 Jahren. Was für eine
Ermutigung, sich selbst staunend in den Blick zu nehmen!
Übrigens: Die Brücke die
der Mensch gewählt hatte, der den Psalm formuliert hat, war ja die: Er hat sich
daran erinnert, dass das, was staunenswert an ihm ist, ja nicht allein selbst
erarbeitet ist, sondern von Gott geschenkt. Also keine Selbstbeweihräucherung,
sondern tiefer Dank. Mit oder ohne Brücke: Mit der Staunbrille in den Spiegel
zu gucken, tut gut. Wir dürfen uns trauen.
