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Kirche in WDR 5 | 21.10.2026 | 06:55 Uhr
Heilige Kümmernis
Guten Morgen! Klar, Kummer und Sorgen gehören zum Leben. Spätestens seit mein Knie mich ordentlich plagt, frage ich mich hin und wieder, wenn ich morgens aufstehe: Wie komme ich wohl heute durch den Tag? Was wartet wohl wieder im Büro auf mich? Schaffe ich das Tagespensum? Mal bekümmert mich das mehr und mal weniger. Ja, und auch im Kloster, in dem ich lebe, ist nicht alles sorgenfrei: Hier leben ja auch nur Menschen zusammen mit ihren Eigenarten und Macken. Und – um es auch etwas grundsätzlicher zu machen: Mich bekümmert auch die Frage, wie und ob kirchliches Leben in unserer Gesellschaft noch eine Zukunft hat und vor allem in einer klösterlichen Lebensform. Immerhin verliert kirchliches Leben massiv an Bedeutung.
Dann ist es aber auch immer wieder gut zu erfahren: Es gibt Kollegen und Kolleginnen, Mitbrüder, Freundinnen und Freunde, die helfen, dass es weitergeht, die bei allem Kummer dann ein gutes Wort haben, die sich eben im wahrsten Sinne des Wortes „kümmern“.
Warum ich das erzähle? Vor kurzem bin ich auf etwas ganz Kurioses gestoßen: Es gibt nämlich eine besondere Volksheilige in der katholischen Kirche – auch wenn sie nie offiziell als solche anerkannt wurde, aber verehrt wurde sie von den Niederlanden über das Rheinland bis nach Spanien. Und die trägt den passenden Namen Kümmernis – oder wie sie in den Niederlanden genannt wird: „Ontkommer“. Das bedeutet so viel wie: „die den Kummer wegnimmt“.
Um den Namen der heiligen Kümmernis besser zu verstehen, muss ich etwas ausholen. Da ist zunächst eine mittelalterliche Legende: Als hübsche Tochter eines heidnischen Königs soll sie einen heidnischen Prinzen heiraten. Das will sie nicht, weil sie Christin ist und in Jesus Christus ihren wahren Bräutigam sieht. Um nun den heidnischen Prinzen nicht heiraten zu müssen, bittet sie Christus, dass ihr hübsches Äußeres verändert wird. Die Bitte wird erfüllt, und es wächst ihr ein Bart – was ja schon ziemlich „trans“ klingt: Eine Frau, die äußerlich als Mann gelesen wird. Darüber ist ihr Vater so erbost, dass er sie wie Christus an einem Kreuz aufhängen lässt. Und so wird sie dann auch in der bildenden Kunst dargestellt: Mit langem Kleid, bärtigem Gesicht und Krone auf dem Haupt, hängt sie wie Christus am Kreuz. Und dann passiert laut einer weiteren Legende folgendes: Vor einem Bildnis der heiligen Kümmernis spielt ein armer Musiker auf seiner Geige. Und als Lohn wirft ihm die heilige Kümmernis einen ihrer beiden kostbaren Schuhe zu. Als der Musiker mit dem Schuh gesehen wird, hält man ihn für einen Dieb. Aber er kann seine Unschuld beweisen, indem er nämlich erneut vor dem Bildnis auf der Geige spielt und Kümmernis ihm ihren zweiten Schuh zuwirft. So hat die heilige Kümmernis ihn sozusagen aus doppelter Not befreit: vor der Verurteilung als Dieb und vor der Armut. Eine echte Heilige, die sich kümmert, indem sie den Kummer – sprich die Not – wegnimmt. Und das in der Gestalt einer weiblichen Christusfigur.
Auch wenn das Legenden sind, die bisweilen wie Märchen klingen. Etwas Bedenkenswertes ist doch dran an der Geschichte der heiligen Kümmernis. An ihrer Darstellung kann ich eine wichtige Haltung ablesen. Egal ob Mann oder Frau oder welches Geschlecht auch immer, Jesus nachzufolgen heißt doch: Ich kümmere mich, wenn andere in Not sind. Heilige Kümmernis sei Dank.
Aus Duisburg grüßt Sie Pater Philipp Reichling.
