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Das Geistliche Wort | 09.08.2026 | 08:40 Uhr
Auf eigenen Füßen stehen
Guten Morgen, ich bin Schwester Ancilla Ernstberger aus dem Michaelskloster in Paderborn und bin immer noch fasziniert von den ersten Schritten meines Großneffen Bela ins Leben.
Musik I: Igor Levit: Lieder ohne Worte für Klavier e-Moll, op. 102 Nr. 1 (MWV U 162)
„Auf eigenen Füßen zu stehen“, das ist mehr als das Laufen lernen im Kindesalter. Es ist ein lebenslanger Prozess. Und jede und jeder muss sich dafür anstrengen. Als Lehrerin habe ich es im Schuldienst immer wieder erlebt, wieviel Energie Jugendliche investieren, um „auf eigenen Füßen zu stehen“, will heißen: um wirtschaftlich ein bisschen unabhängiger von ihren Eltern zu sein; zum Beispiel durch kleinere Jobs. Ich kann das gut nachvollziehen: Jugendliche müssen sich auch von ihren Eltern und von Erwachsenen loslösen, um ihre persönlichen Ideen und Vorstellungen zu entwickeln. Ich selbst habe mich ja auch emanzipiert von der Generation meiner Eltern – auch wenn das schon etwas länger her ist. Wie sehr haben meine nächsten Angehörigen und auch Menschen aus meinem Freundeskreis versucht, mich vom Eintritt ins Kloster abzubringen. Am schwersten war es für mich, trotz deren Tränen meinem Wunsch zu folgen, ohne ganz genau zu wissen, ob ich wirklich berufen sei.
Den Aufstand zu proben, auf eigenen Füßen zu stehen, das geht nicht ohne Konflikte – aber es dient der Selbstfindung und Selbstwerdung, letztlich der Persönlichkeitsentwicklung. Als Lehrerin habe ich oft beobachtet: Lösen sich die Jugendlichen von ihren Eltern, dann folgen sie möglicherweise anderen Autoritäten und finden nicht automatisch zu einem autonomen Leben. Der Einfluss der sozialen Medien, Gruppenzugehörigkeiten spielen auf einmal eine große – wenn nicht die größte – Rolle für das, was junge Menschen für sich selbst entdecken und übernehmen. Ich hoffe und versuche dann, meine Schülerinnen und Schüler zu kritischen Bürgern zu erziehen: Sie sollen hinterfragen und sich ein kritisches Urteil bilden. Um wirklich auf eigenen Füßen zu stehen, also ein standhafter Mensch mit Rückgrat zu werden, dazu bedarf es der Reflexion und der Entschiedenheit. Heute wie zu allen Zeiten ist und war es nicht einfach, sich etwas zu eigen zu machen und sich für etwas einzusetzen, was nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Und so verwundert es auch nicht, dass es bereits in der Bibel viele Beispiele von Menschen gibt, die auch lernen mussten, gegen den Mainstream aufzustehen, um so ihren Weg zu gehen. Heute zum Beispiel wird in den Gottesdiensten der katholischen Kirche von einem Mann erzählt, der regelrecht aufgefordert wurde, sich auf die eigenen Füße zu stellen: Es ist der Prophet Elija. Er war aus Angst vor seinen Feinden in die Wüste geflohen, war quasi eingeknickt vor fremden Machthabern. Jetzt ist er erschöpft und will nur noch sterben. Dann aber passiert es: Er wird aufgefordert sich zu stärken, um dann aufzubrechen zum sogenannten Gottesberg Horeb. Das macht er. Aber dort zieht er sich zurück in eine Höhle. Vielleicht ist er immer noch ängstlich und erschöpft und die Höhle gibt ihm Schutz und Geborgenheit. Es braucht einen zweiten Zuruf: „Komm heraus und stell dich an den Eingang der Höhle!“ Ich würde sagen: „Komm heraus und stell dich auf deine Füße! Verlass deine Komfortzone!“ Gott lässt Elija nicht in Ruhe. Und Gott bewirkt, dass Elija sich auf einen neuen Weg einlässt, ein Weg in die Fremde und ein Weg zu sich selbst zu einem selbstbewussten Leben.Musik II: Igor Levit: Lieder ohne Worte für Klavier A-Dur, op. 19b Nr. 4 (MWV U 73)
„Komm heraus und stell dich auf deine Füße!“ – Elija wusste nicht, wohin die Reise gehen wird. Und das verbindet ihn mit vielen Menschen bis heute. Wer kann schon sagen, was ihm oder ihr morgen blüht? Ich weiß es letztlich ja auch nicht. Aber im Umgang mit jungen Menschen habe ich oft mitbekommen: für viele trifft dies besonders zu, wenn sie vor lebenswichtigen Fragen stehen: Wie finde ich den richtigen Weg für mich? Welche Ausbildung soll ich machen oder welches Studium anfangen? Werde ich einen Partner, eine Partnerin finden, die zu mir hält – ein Leben lang? Existenzielle Fragen, deren Antworten gelebt werden müssen. Und jede Antwort – und mag sie auch scheitern – ist ein Schritt auf dem Weg, um immer mehr auf „eigenen Füßen zu stehen“. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: um selbständig, und im wahrsten Sinne des Wortes „selbstbewusst“ zu leben, bedarf es des Vertrauens und der Zuversicht, immer wieder aufzubrechen, auch gegen Konventionen und Erwartungen. Sonst blieben wir in der Höhle, der Komfortzone des Lebens stecken und würden letztlich verkümmern. Mir ist das deutlich geworden, als ich mich mit einer großartigen Frau beschäftigt habe: Edith Stein. Schon als Kind – aber auch später – hat sie sich vielfach den Erwartungen oder Überzeugungen anderer widersetzt. Heute denkt die katholische Kirche besonders an sie. Denn am 9. August 1942 wurde sie im Konzentrationslager in Auschwitz ermordet und wird als Märtyrerin und Patronin Europas verehrt. Wie kam es dazu?
Edith Stein wird 1891 als Kind jüdischer Eltern in Breslau geboren. Sie ist die Jüngste von insgesamt elf Kindern, allerdings sind schon vier vor ihr gestorben. Nach dem frühen Tod ihres Vaters erlebt Edith, wie ihre Mutter das Familienunternehmen erfolgreich weiterführt.
Als Edith mit fünf Jahren im Kindergarten angemeldet wird, ist sie maßlos empört. Sie will in die Schule gehen. Jeden Morgen kämpft sie dagegen, in den Kindergarten gebracht zu werden, bis sie schließlich gewinnt. Sie kommt nach einem halben Jahr in die erste Klasse und entwickelt sich bereits nach kurzer Zeit zur Klassenbesten. Zu Beginn eines jeden Schuljahres verschlingt sie wissbegierig sofort das neue Lese- und Geschichtsbuch. Aufsätze zu schreiben, ist ihr ein Vergnügen. Obwohl sie so leicht lernen und behalten kann, durchlebt sie mit 13 Jahren eine Krise: Der Schule überdrüssig, verlässt sie diese. Zugleich sagt sie sich vom jüdischen Glauben los. Sie will auf eigenen Füßen stehen. Und ihre Mutter gewährt ihr die Distanz von Schule und Religion.
Musik III: Igor Levit: Lieder ohne Worte für Klavier E-Dur, op. 30 Nr. 3 (MWV U 104)
Es geht ihm um die Suche nach der letzten Wahrheit. Bei Husserl promoviert Edith Stein schließlich im Jahre 1916 mit einer Arbeit „Zum Problem der Einfühlung“. Und so kommt es, dass auch Edith Stein existenziell fragt: „Was ist die Wesensmitte des Menschen?“ „Läuft das Leben des Menschen auf ein sinnvolles Ziel zu?“ „Gibt es eine letztgültige Wahrheit?“ Sie ist ja wissbegierig und fragt unaufhörlich und konsequent. Aber sie gelangt an kein Ende mit ihrer Suche nach der Wahrheit. Und auch als „Atheistin“ kommt sie an dem bislang Unbekannten, an Gott nicht vorbei. Schließlich beginnt sie das Neue Testament zu lesen. Und: Sie stößt auf die Vita der heiligen Teresa von Àvila, einer christlichen Mystikerin des 16. Jahrhunderts. Sie liest die Vita in einer Nacht und ist so fasziniert, dass sie am anderen Morgen kommentiert: „Das ist die Wahrheit.“ Getreu ihrer wissenschaftlichen Vorgehensweise erarbeitet sie sich systematisch die Wesensmerkmale des katholischen Glaubens und lässt sich schließlich am Neujahrstag 1922 taufen. Schon bald wird sie als Lehrerin tätig und verbindet Denken und Glauben. Eine Lehrtätigkeit in Münster am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik wird ihr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten untersagt. Darauf tritt sie im Oktober 1933 bei den Karmelitinnen in Köln ein und erhält den Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz. Auch dieser Schritt verlangt von ihr ein hohes Maß an Zivilcourage und Selbststand: Freunde raten ihr nämlich davon ab. Sie befürchten, Edith dürfe im Kloster nicht mehr wissenschaftlich tätig sein. Ende 1938 siedelt sie zusammen mit ihrer Schwester Rosa, die sich zwei Jahre nach ihr hat taufen lassen, nach Holland in den Karmel von Echt über. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft sind beide in Deutschland nicht mehr sicher.
Musik IV: Igor Levit: Venetianisches Gondellied. Lied ohne Worte für Klavier fis-Moll, op. 30 Nr. 6
Mich beeindruckt die Haltung von Edith Stein, weil sie immer wieder zeigt, ein Rückgrat zu haben, sich nicht verbiegen zu lassen. Wie auch der Prophet Elija: Er zeigte Rückgrat, ließ sich herausrufen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Womit ich im Leben konfrontiert werde, das liegt nicht in meiner Hand. Aber wie ich mich dazu verhalte, das kann ich bestimmen. Was mir begegnet, mag ich als Zumutung empfinden. Es kann aber auch eine Chance sein. Immer geht es jedoch darum, mich auf meine „eigenen Füße zu stellen“ und so zu leben, wie es meinem Wesen, meinen Fähigkeiten, meinem Denken zutiefst entspricht. Und vielleicht zeigt sich dadurch auch eine Antwort auf den möglichen Ruf Gottes: „Komm heraus und stell dich auf deine Füße!“ Aus dem Michaelskloster in Paderborn grüßt Sie Schwester Ancilla Ernstberger
Musik V: Igor Levit: Lieder ohne Worte für Klavier E-Dur, op. 19b Nr. 1 (MWV U 86)
Benutzte Literatur: Feldmann, Christian, Liebe, die das Leben kostet. Freiburg 1987
Herbstrith, Waltraud, Edith Stein. Ein neues Lebensbild in Zeugnissen und Selbstzeugnissen. Freiburg 1983 Herbstrith, Waltraud, Edith Stein – Wege zur inneren Stille. Aschaffenburg 19861Pittertatscher, Kurt in: Christliche Innerlichkeit. Wien 26/1991 S. 248
Sr. Teresia Matre Dei, Edith Stein – Auf der Suche nach Gott, Kevelaer 1963Stein, Edith, Frauenbildung und Frauenberufe. München 1949Stein, Edith, Kreuzeswissenschaft. Freiburg 1954
