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Kirche in WDR 3 | 23.03.2026 | 07:50 Uhr
Das Licht, das nicht ausgelöscht werden kann
Es gibt Situationen, in denen wirkt Zuversicht fast anstößig. Weil das, was Menschen erleben, so dunkel ist, dass jedes schnelle Wort von Hoffnung fehl am Platz scheint.
Der Psychiater Viktor Frankl kannte solche Situationen. Er überlebte mehrere Konzentrationslager. Später fasste er seine Erfahrung in einem Satz zusammen, der bis heute irritieren kann: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Viktor Frankl hat damit keinen Optimismus gemeint. Keine rosarote Brille. Viktor Frankl sah nicht weg. Und erst recht erfüllte ihn kein inneres Hochgefühl. Er beschrieb etwas anderes: Nämlich, dass dem Menschen selbst unter extremen Bedingungen eine letzte Freiheit bleibt. - Die Freiheit, Stellung zu beziehen zu dem, was ihm widerfährt. Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber wie wir uns innerlich verhalten, darüber können wir entscheiden. Jederzeit.
Ein ähnlicher Gedanke begegnet mir in der Geschichte eines katholischen Priesters, der das Konzentrationslager überlebt hatte: Pfarrer Scheipers. Vor 10 Jahren starb er, hochbetagt, in Münster. Einmal hatte ich ihn eingeladen. Er war bei mir im Religionsunterricht. Eine Szene ist mir geblieben. Eine Schülerin fragte ihn, wie er das Leid, die Gewalt und das Unrecht im Lager ausgehalten habe. Er überlegte einen Moment und sagte dann: „Ich wusste, dass Gott ein Licht in mich hineingelegt hat, das nichts und niemand auslöschen kann“. Dieser Satz hat nicht nur die Schülerinnen und Schüler berührt. Er hat sich mir tief eingeprägt. Und er gehört seitdem zu meinem inneren Vorrat – für Zeiten, in denen es dunkel wird. Natürlich sind diese persönlichen Notsituationen in keiner Weise vergleichbar mit dem Leid eines Konzentrationslagers. Und dieser Satz ist auch kein schneller Trost. Aber um dieses Licht zu wissen, das Gott in mich hineingelegt hat, das ist für mich eine bleibende Quelle der Zuversicht.
Es ist doch so: In den Momenten, in denen das
Leben wirklich aus den Fugen gerät, helfen keine klugen Erklärungen. Und keine
billigen Sätze. Was tragen kann, sind Gedanken wie die von Viktor Frankl und
das Zeugnis von Pfarrer Scheipers. Beide haben nicht aus sicherer Distanz
gesprochen. Beide wussten, wovon sie reden. Ihre Worte sind nicht entstanden,
weil das Leben leicht war, sondern weil sie dem Leben im Äußersten ausgesetzt
waren. – „Trotzdem Ja zum Leben sagen“: Das ist kein Kalenderspruch, sondern
eine erkämpfte und erprobte Wahrheit. Selbst dort, wo Menschen alles genommen wird,
kann es einen inneren Raum geben, der nicht vollständig beherrscht werden kann. Zuversicht zeigt sich hier nicht als Hoffnung auf Veränderung. Sondern
als Widerstand gegen Entmenschlichung. Zuversicht ist dann kein Gefühl. Sie ist
eine bewusste, mutige und erkämpfte Entscheidung.
Dass Sie sich an diesem Tag diesen inneren Raum bewahren können, von dem Pfarrer Scheipers gesprochen hat – ein Licht, das nichts und niemand auslöschen kann – das wünsche ich Ihnen von Herzen.
Aus Münster grüßt Ihr Pfarrer Jochen Reidegeld.
