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Kirche in WDR 4 | 25.05.2026 | 08:55 Uhr
Pfingst-Maiglöckchen
Guten Morgen.
Die Maiglöckchen sind noch nicht aufgeblüht, als ich zum letzten Mal den Garten meiner Eltern betrete.
Meine Mutter hat jeden Winkel im Garten gekannt. Sie hat die Walnüsse aufgelesen und die Rosen beschnitten. Zum Geburtstag hat sie mir immer Maiglöckchen per Post zugeschickt, sorgfältig in ein feuchtes Tuch gewickelt. Die Maiglöckchen kamen zwar etwas zerdetscht an. Aber beim Auspacken hat ihr Duft den guten Geist meiner Mutter versprüht.
Es fällt mir nicht leicht, durch den Garten zu gehen. Ich stehe etwas verloren vor der Terrasse. Die Gartenschere steckt noch in der alten verrosteten Dose. Erinnerungen und Bilder wirbeln mir durch den Kopf. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Girlanden und die gedeckten Tische unter dem Kirschbaum – was haben wir für Feste gefeiert! Ausgerechnet der Kirschbaum war meiner Mutter am Ende zu viel geworden, das Laub, die Kirschen, die sie am Ende nicht mehr pflücken konnte. Und als der Stamm krank und die Äste morsch waren, haben meine Eltern den alten Baum fällen lassen. Ich ahnte damals, dass das einen größeren Abschied einläutet.
Bei der Beerdigung meiner Mutter singen wir ein Sommerlied. Es fängt so an: „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben. Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“ Dieses Sommerlied passt auf den ersten Blick nicht auf eine Beerdigung. Es passte zu meiner Mutter. Es war ihr Lieblingslied. Das hat mich getröstet. Das Lied stammt aus der Feder von Paul Gerhardt. Die evangelische Kirche denkt in diesem Jahr an seinen 350. Todestag. Paul Gerhardt hat die Verwüstungen des 30jährigen Krieges erlebt. Und er tröstet damals mit diesem Lied seine Frau. Denn: vier seiner fünf Kinder sterben schon als Kleinkinder. Und so singt er gegen die Traurigkeit an: „Geh‘ aus mein Herz und suche Freud.“ Freude liegt nach 30 Jahren Krieg nicht auf der Straße. Nach dem Verlust von lieben Menschen auch nicht. Du musst herausgehen aus dir selbst und sie suchen, die Freude. Sie ist nicht selbstverständlich da. „Geh aus, mein Herz und suche Freud.“
Ich glaube, Paul Gerhardt hat sich nach einem guten Geist gesehnt, einem, der die Trauergeister und den Geruch des Todes vertreibt und Freude bringt. Und so geht das Lied weiter: „Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird‘ ein guter Baum.“ Was für ein schönes Bild: Der gute Geist Gottes zieht bei mir ein, gerade, wenn ich traurig bin.
Heute ist Pfingstmontag, das christliche Fest des Heiligen Geistes. Ein guter Tag rauszugehen, buchstäblich aus sich herauszugehen und das zu suchen, was nicht auf der Straße liegt: Freude. Es ist das schönste Gefühl, das Gott in die Welt schickt. Manchmal sogar per Post, eingewickelt in ein feuchtes Tuch und ein bisschen zerdetscht.
Frohe Pfingsten!
(Ende WDR 4, Verabschiedung für 3)
Das wünscht Ihnen Adelheid Ruck-Schröder, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
