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Kirche in WDR 3 | 04.11.2026 | 07:50 Uhr
Pilgern und Gastfreundschaft
Seit etwa 40 Jahren bin ich mit einer Pilgergruppe unterwegs. Das ist so ein Lebensprojekt geworden. Damals sind wir nach Santiago de Compostela in Spanien gepilgert, lange bevor Hape Kerkeling sich auf diesen Weg machte. Anschließend ging es für uns nach Jerusalem und aktuell sind wir auf dem Weg nach Rom. Jede Pilgerreise dauert bei uns mehrere Jahre, und das hat folgenden Grund. Wir laufen nicht an einem Stück, sondern in Etappen: Jedes Jahr eine Woche, dann fangen wir da an, wo wir im Vorjahr aufgehört haben. Das Besondere dabei ist nicht nur, wie wir Land und Leute zu Fuß unmittelbar erleben. Nein, es ist vielmehr die Tatsache, dass wir miteinander älter werden. Inzwischen sind einige aus der Gruppe bereits verstorben, zum Beispiel der Initiator dieser „Pilger-Wanderung“. Er war ein älterer Mitbruder aus meinem Kloster. Andere, jüngere Leute sind dazugekommen und total begeistert. So ist die Wanderung ein Mehr-Generationen-Projekt.
Erst vor zweieinhalb Wochen sind wir von der jüngsten Etappe zurückgekommen. Wir laufen auf der sogenannten Via Francigena. Das ist der mittelalterliche Pilgerweg von Canterbury in England nach Rom. Vor elf Jahren sind wir in meiner Heimatstadt in Duisburg gestartet und nach ein paar Etappen auf den alten Pilgerweg gestoßen, dem wir jetzt folgen. Inzwischen sind wir in der Toskana in Italien angekommen. Und – so Gott will – sind wir in drei Jahren am Ziel. Die Motive, sich auf so eine lange Wanderung einzulassen, sind heutzutage genauso vielfältig wie im Mittelalter. Das sind nicht ausschließlich fromme Absichten: Viele gehen auch aus Abenteuerlust, Selbsterfahrung. Sportlicher Ehrgeiz und Neugier auf das Fremde und die reiche Kulturgeschichte mischt sich mit Lust auf das gemeinsame Erleben.
Je näher wir übrigens an Rom herankommen, umso mehr Pilger sind unterwegs. Und dahinter steckt noch etwas ganz anderes. Das Maß an Gastfreundschaft wächst. Denn es hat letztlich auch mit Gastfreundschaft der Menschen zu tun, deren Städte und Dörfer die Pilger auf ihrem Weg betreten. In einer Pilgerkirche auf unserem Weg in der Toskana habe ich einen kleinen Text gelesen, ein Zitat aus einem Vorwort zu einem Pilgerbuch[1]. Darin wurde gefragt, ob die Via Francigena auch einmal so stark frequentiert wird wie der Weg nach Santiago de Compostela. Und die Antwort: „Vieles wird von unserer gemeinsamen Bereitschaft zur Gastfreundschaft abhängen.“ Und dann die Begründung: Es geht darum, „den Sinn der Pilgerreise besser zu verstehen und offener gegenüber dem Unbekannten zu sein, der auf unseren Straßen vorbeikommt, denn es ist die Fähigkeit zur Gastfreundschaft, die aus einem Dorf eine Stadt macht.“
Mich hat der Gedanke bewegt, weil er nicht nur auf den Pilgerwegen gilt: „Offener gegenüber dem Unbekannten zu sein, der auf unseren Straßen vorbeikommt.“ Und: „Gastfreundschaft üben“. Letztlich – so jedenfalls eine christliche Vorstellung (vgl. 1 Petr 2,11) – sind wir alle Pilger in dieser Welt und damit immer auch auf die Offenheit und Gastfreundschaft anderer angewiesen.
Gut vom Pilgerweg zurückgekehrt grüßt Sie aus Duisburg Pater Philipp Reichling.
[1] Don Giovanni Perini, Parroco di Aula (Massa-Carrara), dálla prefazione a libro dell’amico Franco Fiasella “Cammino di Santiago”.
