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Das Geistliche Wort | 25.10.2026 | 08:40 Uhr
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Die Kraft der Musik
Autorin: Es ist Enkeltag. Unser knapp dreijähriger Enkel verbringt den Nachmittag bei uns. Wir haben eine richtig gute Zeit zusammen: im Sandkasten spielen, mit Duplo-Steinen bauen, eine Geschichte vorlesen, Muffins backen. Die Stunden vergehen wie im Flug. Kurz bevor er von Mama und Papa wieder abgeholt wird, hat er noch einen Wunsch. Er will sein Lieblingslied hören: Der Kakadu Peppino. Spotify macht‘s möglich und schon erklingt das mitreißende Kinderlied.
Musik
1: Der Kakadu Peppino
Text/Komposition/Interpretation:
Simone Sommerland, Karsten Glück & Die Kita-Frösche; Album: Die 30 besten
neuen Partylieder für Kinder; Label: Lamp und Leute / Lamp und Sumfleth
Entertainment GmbH; LC: 27914
Autorin: Jetzt hält den kleinen Mann nichts mehr auf dem Stuhl. Er springt auf, rennt und tanzt durch den Raum und strahlt mich an. Die Musik geht ihm direkt ins Blut und in die Beine und in den ganzen Körper. Wunderbar anzuschauen ist das. Und ansteckend: „Oma, macht mit!“
(Musik 1 nochmal kurz freistehend)
Musik macht etwas mit uns. Egal wie alt wir sind. Musik geht unter die Haut; sie berührt, reißt mit, begeistert, tut der Seele gut, beruhigt, heilt. Und es spielt keine Rolle, ob ich eher der Klassikfan bin oder mehr auf Pop stehe, auf Schlager, Jazz oder Volksmusik. Ob ich selbst musiziere oder mehr zuhöre. Musik hat eine eigene Kraft. Sie kann mich im Alltag begleiten und Festtage besonders schön machen. Manchmal dudelt sie im Hintergrund und plätschert über mich hinweg, manchmal unterstreicht sie den besonderen Moment und ich höre sie sehr bewusst.
Nach einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums vom August 2026 machen in Deutschland rund 21% der Menschen ab 6 Jahren in ihrer Freizeit aktiv Musik. Das ist rund jede und jeder Fünfte. Sie singen im Chor oder spielen ein Instrument oder beides. Dazu kommen knapp 20.000 Profimusikerinnen und -musiker, die ihre Leidenschaft für die Musik zu ihrem Beruf gemacht haben. Eine von ihnen ist Lea Stefani aus Essen. Sie ist ausgebildete Cellistin und Pianistin. Fast jeden Tag setzt sie sich zuhause ans Klavier.
Musik 2: Sternimprovisation (Klavier)
Komposition: Lea Stefani; unveröffentlicht, eigene Aufnahme.
O-Ton Lea:
Mich fasziniert total, dass es so sehr viele verschiedene Musikstile gibt. Deswegen kann ich mich da auch gar nicht entscheiden und finde total viele Stilrichtungen und Genres total spannend und total schön und jede Musik hat so eine eigene Schönheit.
Musik 2 Fortsetzung
Autorin: Musik ist unglaublich vielfältig. Ein Orgelkonzert in der Kirche klingt anders als ein Rockkonzert im Stadion. Bach klingt anders als Mozart, Michael Jackson anders als Luciano Pavarotti, eine Geige anders als Schlagzeug, ein Karnevalsschlager anders als gregorianische Gesänge. Und noch weiter gefasst: Chinesische Tempelmusik hört sich anders an als lateinamerikanische Sambarhythmen oder irische Volksmusik. Jede Zeit und jede Kultur hat ihre eigene Musik. Lea Stefanie ist nicht auf ein Genre festgelegt. Sie spielt Klassik genauso gern und genauso gut wie Jazz oder Pop. Mal spielt sie Schumann auf dem Klavier, mal Bartok auf dem Cello, dann wieder Jazz auf einem Festival.
Musik 3: Medley Lea Stefani
Robert Schumann, Albumblätter, Op. 124: V. Phantasietanz. Interpretin: Lea Stefanie
Bela Bartok, Rumänische Volkstänze Sz. 56 für Cello und Klavier, Nr. 2 „Braul“; Interpretin: Lea Stefanie
John Klenner, Just Friends; Interpreten: Daniel
Edelberg (sax) Gordon Gräber (drums) Bernd Kröger (bass) Lea Stefani (piano)
eigene Aufnahmen
Autorin: Diese musikalische Breite gefällt mir. Es ist wie Lea Stefani sagt: Jede Musik hat eine eigene Schönheit. Dabei gibt es auch Gemeinsamkeiten:
O-Ton Lea 2:
Und für mich ist Musik eigentlich schon immer auch ein Weg, um Emotionen auszudrücken, um auch einen Kanal zu finden und vielleicht auch Emotionen wahrzunehmen, die ich sonst gar nicht so wahrnehmen würde, gerade auch natürlich tiefe Emotionen, sowas wie Schmerz oder Wut oder Trauer. Da gibt es durch Musik einfach einen Kanal und eine Möglichkeit, das auszudrücken, auch gerade beim Selbstmusikmachen, die ich so jetzt gar nicht woanders hätte oder finden würde.
Autorin: Musik und Emotionen gehören eng zusammen. Nach einer stressigen Woche in der Disco abtanzen, sich bewegen, sich körperlich verausgaben, erleben viele als befreiend und als besonderen Glücksmoment. Oder auf einem Konzert lautstark mitsingen, sich mit anderen verbinden, das ist ein Musikerleben, das Gemeinschaft stiftet. Manche Musik rührt uns zu Tränen und wir können nichts dagegen tun. Vielleicht ist es die Melodie, der Klang, das Instrument, eine Erinnerung, vielleicht alles zusammen, das uns so unter die Haut geht. Es ist, als würde die Musik eine besondere Durchlässigkeit schaffen und so das Innerste, die Seele, berühren. Für Lea Stefani ist das ein bewusstes Ziel ihres Musikmachens:
O-Ton Lea 3:
Ich spiele oft auf Hochzeiten oder Trauerfeiern gerade mit dem Cello und begleite da einfach besondere Momente. Und gerade wenn ich dann auf der Bühne quasi sitze oder vorne am Altar oder wo auch immer und spiele, dann wird für mich auch in dem Moment alles Eigene oft total klein und unwichtig und tritt in den Hintergrund. Und in dem Moment merke ich wirklich, wie ich den Wunsch habe, den Menschen, die dort gerade einen wichtigen emotionalen Moment erleben, mit Musik einen schönen Rahmen zu schaffen. Und das kann Musik, denke ich, mehr als alles andere. Es gibt doch so einen schönen Satz, den ich irgendwie ein bisschen kitschig, aber auch sehr schön finde. Nämlich: „Musik drückt aus, was Worte nicht vermögen, über die zu schweigen aber unmöglich ist.“
Musik 4: Bela Bartok, Rumänische Volkstänze Sz. 56 für Cello und Klavier, Nr. 2 „Braul“,
Interpreten: Lioba Schmidt (Klavier), Lea Stefani (Cello), eigene Aufnahme
Autorin: Musik hat eine eigene Sprache. Sie verbindet Menschen über Grenzen hinweg. Das zeigt besonders eindrücklich ein Musikprojekt, das 1999 in der damaligen Kulturhauptstadt Weimar entstand. Zu einem Workshop eingeladen waren die beiden Freunde Daniel Barenboim und Edward Said. Barenboim, Israeli und weltberühmter Dirigent, und Said, Palästinenser und international anerkannter Literaturprofessor, verband die Vision, dass Musik Brücken bauen kann. Sie gründeten in Weimar das West-Eastern Divan Orchestra, das junge Musikerinnen und Musiker aus Israel, Palästina und anderen arabischen Staaten zusammenbringt. Barenboim und Said waren davon überzeugt, dass Frieden im mittleren Osten nicht durch militärische Maßnahmen zu erlangen ist, sondern alternative Zugänge braucht, vor allem Zuhören und Dialog. Musik kann einer dieser Zugänge sein. So sagte der inzwischen verstorbene Edward Said:
Sprecher:
Wir gehen davon aus, dass die Trennung von Menschen und Völkern keine Lösung der Probleme ist, die zwischen ihnen liegen. Und gegenseitige Ignoranz ist das größte Übel. Zusammenarbeit und Koexistenz hingegen, so, wie wir sie in der Musik gemeinsam erleben, erspielen und lieben – das ist unser Ziel.
Autorin:
Und Daniel Barenboim ergänzt:
Sprecher:
Große Musik ist das Ergebnis intensiven Hörens. Jedes Orchestermitglied muss sehr genau der Stimme des Komponisten wie auch seinen Mitspielern zuhören. Persönliche und internationale Harmonie kann es nur geben, wenn wir uns zuhören. Jede Seite, jede Partei muss die Ohren öffnen, um die Geschichten und Meinungen des anderen zu verstehen.
Autorin: In den 27 Jahren seines Bestehens hat das Orchester Erfolgsgeschichte geschrieben. Es gibt Konzerte in der ganzen Welt, auch in Deutschland. Im Laufe der Jahre hat es viele hundert junge Musikerinnen und Musiker zusammengebracht, die aufgrund ihrer Herkunft und Geschichte eher auf verschiedenen Seiten stehen. Ihre Länder bekämpfen sich seit Jahrzehnten. Sie sind sich bewusst, dass Musik allein Krieg und Feindschaft nicht beenden kann und dass eine gemeinsam gespielte Sinfonie noch keinen Frieden bringt. Aber sie halten an der Vision fest, dass ihr gemeinsames Musizieren ein Türöffner sein kann für mehr Verständnis und mehr Dialog. In den Grundsätzen, die das Orchester im Herbst 2025 veröffentlicht hat, heißt es:
Sprecher:
Verwurzelt in Edward Saids Engagement für Gerechtigkeit und Daniel Barenboims Überzeugung, dass Musik eine universelle Sprache ist, verpflichten wir uns der Gewaltlosigkeit, der Versöhnung und dem Streben nach Harmonie – sowohl im musikalischen als auch im menschlichen Miteinander.
Autorin: Seit dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und dem daraus folgenden zerstörerischen Krieg im Nahen Osten, sind sich die Mitglieder des Orchesters der großen Herausforderung bewusst, gerade jetzt zusammen zu bleiben und dem Hass zu widerstehen. Sie schreiben auf ihrer Homepage:
Sprecher:
Die Gewalt zwischen Israel und Palästina hat in den vergangenen zwei Jahren Wunden vertieft, die bereits seit Langem bestehen: persönliche, generationenübergreifende und kollektive Wunden. Während wir gemeinsam mit Trauer und den Folgen dieses Traumas leben, dürfen wir nicht der Versuchung nachgeben, den Schmerz oder die Geschichte des jeweils anderen zu verdrängen oder auszulöschen. Stattdessen suchen wir einen Weg nach vorn, einen Weg, auf dem unterschiedliche Erfahrungen und Erzählungen nebeneinander bestehen können und auf dem Zuhören zu einem Akt der gegenseitigen Anerkennung wird, anstatt zur Verneinung des anderen.
Autorin: Auf dem Hintergrund dieser Herausforderung höre ich die Musik des Orchesters mit besonders aufmerksamen Ohren.
Musik 5: Symphony No. 5 in C Minor, Op. 67 III. Allegro
Komposition: Ludwig v. Beethoven; Interpreten: West-Eastern Divan Orchestra & Daniel Barenboim; Album: Beethoven für alle: Sinfonien Nr. 1-9; Label: Decca (Universal Music); LC: 00171
Autorin: Musik kann heilen. Sie bringt Menschen zusammen, sie macht Grenzen kleiner. Sie kann der einzelnen Seele guttun und sie gesunden lassen. Die Musiktherapie nutzt bewusst die Kraft der Musik in der Begleitung von Menschen, deren Seele aus dem Gleichgewicht geraten ist, sei es durch eine traumatische Erfahrung, eine psychische Erkrankung oder sonst eine belastende Situation. Die Musik, vorgespielt oder selbst ausgeübt, öffnet Kanäle, an die das gesprochene Wort nicht heranreicht. Sie kann Spannungen lösen.
Davon wird schon in der Bibel eindrücklich erzählt. König Saul, der erste große König in Israel, ist krank. Ein „böser Geist“, so heißt es in der Sprache der Bibel, beschwert ihn. Seine Stimmung ist düster, seine Handlungen unberechenbar. Vermutlich hat er eine Depression. Wie eine diffuse böse Macht kommt sie über ihn. Seine Ratgeber holen den Hirtenjungen David an den Hof. David kann Harfe spielen und soll den König mit seiner Musik erfreuen. So kommt David zu Saul. Und erzählt wird:
Sprecherin:
So oft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter, und es wurde besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm. (1. Sam. 16, 23)
Musik 6: Never give up (Lever harp arangement),
Komposition/Interpretin: Lena Rummel; Album: Traumnovelle; Label: Lena Rummel; LC: unbekannt
Autorin: Wie tief Musik unsere menschliche Seele erreicht, zeigt auch eine weitere Beobachtung. Menschen mit einer demenziellen Erkrankung reagieren häufig besonders auf Musik. Auch wenn sie sonst eher teilnahmslos wirken, nicht mehr aufmerksam das Tagesgeschehen verfolgen können, vielleicht sogar ganz verstummt sind – wenn Musik erklingt, wird etwas wach in ihnen, eine Erinnerung, ein tiefes Wissen, eine Regung, die anders ist als die bewusste Klarheit. Und nicht selten geschieht das Wunder, dass sie anfangen, mit zu summen, mitzusingen, mit zu wippen und in ihren Augen leuchtet etwas auf.
Musik
ist die Muttersprache der Menschen, sagt Helge Burggrabe, Komponist, Musiker und
Künstler aus Bremen. Jedes menschliche Leben ist schon vor der Geburt
hineingenommen in Bewegung und Rhythmus. Es spürt im Mutterleib die Bewegungen
und den Herzschlag der Mutter. Es hört die Klänge und Geräusche der Außenwelt. Helge
Burggrabe ist davon überzeugt, dass Musik so tief in uns Menschen wurzelt, dass
sie in eine Dimension führen kann, die wir als heilend, ja als heilig
empfinden. Neben großen Oratorien, die er zur Aufführung bringt, komponiert er
geistliche Gesänge zum Mitsingen, veröffentlicht unter dem Titel „Hagios“,
altgriechisch für „heilig“. Musik, so Burggrabe, öffnet einen Raum für innere
Erfahrung. Sie schafft Resonanz, eine Verbindung zwischen dem Hier und Jetzt
und einer größeren transzendenten Wirklichkeit, die wir Gott nennen oder
vielleicht auch anders. Die Hagios-Gesänge spiegeln für mich viel davon wider.
Musik 7: Höre den Herzschlag
Komposition: Helge Burggrabe; Interpreten: Elbcanto & Helge Burggrabe; Album: Hagios II (Songs of Praise and Meditation); Label: Berlin Classics/Edel Germany; LC: 06203
Autorin: Die Hagios-Gesänge leben von der Wiederholung. Die kurzen berührenden Texte werden immer und immer wieder gesungen, wie eine Meditation, wie ein Gebet. Im wiederholenden Singen sinken die Worte und Töne auf den Grund der Seele. Wie wenn man ein Labyrinth begeht, langsam von außen nach innen, Schritt für Schritt, hin zur Mitte, und wieder zurück. Musik hat so gesehen eine religiöse, eine mystische Dimension, sie macht Unsagbares hörbar und kann in Erfahrungsräume führen, die mit Worten nicht zu beschreiben sind.
Vielleicht wird deshalb in den Psalmen der Bibel so oft dazu eingeladen, Gott nicht nur mit Worten zu loben, sondern auch mit Musik. Etwa im Psalm 150:
Sprecherin:
Halleluja, lobt Gott in seinem Heiligtum; lobt ihn in seiner starken Himmelsburg!
Lobt ihn zum Schall des Widderhorns! Lobt ihn zum Klang von Harfe und Leier!
Lobt ihn zur Handtrommel und tanzt im Kreis!
Lobt ihn mit Saitenspiel und Flötenmusik! Lobt ihn mit kleinen hellen Zimbeln.
Lobt ihn mit großen dunklen Zimbeln!
Alles, was atmet, lobe Gott. Halleluja!
Autorin:
Musik ist ein Himmelsgeschenk. Ich wünsche Ihnen, wie immer Sie heute Ihren Sonntag verbringen, einen von Musik berührten Tag.
Es grüßt Sie aus Essen
Hanna
Mausehund
Musik
8: Out of nowhere
Komposition:
Jonny Green und Edward Heyman; Interpreten: Daniel Edelberg (sax) Gordon Gräber (drums) Bernd Kröger
(bass) Lea Stefani (piano); eigene Aufnahme
Quellen:
Website des West-Eastern Divan Orchestra, https://west-eastern-divan.org/
Redaktion: Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
