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Kirche in WDR 2 | 27.03.2026 | 05:55 Uhr
Von der Demokratie zur Diktatur
Wie wird aus einer Demokratie eine Diktatur? Parallel zu den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz läuft bei einem Streamingdienst die Serie der englischen BBC: Lord of the Flies, Herr der Fliegen. Ein Buch der Weltliteratur nach vielen Verfilmungen zum ersten Mal als Serie.
William Golding hat diesen Weltbestseller 1954 geschrieben. In über sechzig Sprachen übersetzt, über hundert Millionen Mal gedruckt. Worum geht’s? Ein Flugzeug stürzt ab auf eine unbewohnte Insel. Das überleben nur zwanzig Jungen im Alter von 8 bis 13. Was passiert? Schreckliches. Die dünne Haut von Erziehung und Zivilisation zerreißt. Piggy, der dreizehnjährige, der weiß wie Rettung kommen könnte, wird getötet. Hatte also der Philosoph Thomas Hobbes Recht mit seinem Pessimismus: Homo homini lupus, der Mensch ist des Menschen Wolf!
In der Besprechung der Süddeutschen Zeitung heißt es, die Serie zeige, wie eine Demokratie in eine Diktatur kippt. Grund sei nicht etwa toxische Männlichkeit, sondern ein Dauerzustand der Überforderung. Nun ist es ganz aktuell: Ist das nicht genau der Zustand unserer Demokratie?! Wir bekommen die Probleme nicht gelöst, sei es Krieg, Migration, Wohnungsbau, Bürgergeld und vieles mehr. Wir spielen zwar zum Beispiel im Dschungelcamp die Inselsituation nach. Aber: finden wir aber auch Vorbilder, was wir richtig machen könnten?
Zum Glück war es kürzlich auch die Süddeutsche Zeitung, die den Gegenentwurf zum Herrn der Fliegen dokumentiert hat. Und zwar keine weitere Fiktion, keine erfundene Geschichte, sondern eine wahre.
Im Jahr 1965 ist es sechs Internatsschülern auf der
Insel Tonga in der Südsee langweilig. Sie nehmen sich ein Boot und starten
einen Ausflug zu den Fidschi-Inseln. Ein riesiger Sturm verschlägt sie auf die
Insel Ata, über 1000 Seemeilen entfernt. Nach 15 Monaten entdeckt sie ein
Kapitän. Auf der Insel geschieht das Gegenteil vom Herrn der Fliegen. Die
Schüler halten zusammen. Nach drei Monaten gelingt es, Feuer zu machen. Wenn
sie Krach haben, gehen sie auf entgegengesetzte Seiten der Insel, bis abends der
Ärger verraucht ist. Sie leben klare Rituale: Sonntags kochen immer zwei für
die vier anderen, abwechselnd. Zum Glück gibt es auf der Insel genug Grünzeug
zu essen, Fische im Meer natürlich auch. So werden sie sogar allmählich dick
und bauen sich Trimm-Dich-Geräte - die übrigens im Internet zu sehen sind. Was
mich als Pastor natürlich besonders interessiert: Sie beten jeden Tag
gemeinsam. Die Moral von dieser wahren Geschichte: Zusammenhalt kann
funktionieren, mit gutem Willen und klaren Regeln, ganz demokratisch.
