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Kirche in WDR 2 | 23.01.2026 | 05:55 Uhr
Gier
Fragt
man
meine Freunde, was meine große
Schwäche ist, dann nennen sie als erstes weder Schokolade noch Torte, sondern Sperrmüll.
Wenn andere ihre Ansammlungen an Schrott und Ungewolltem rausstellen, dann
bekomme ich große Augen und freue mich diebisch. Erst recht, wenn ein Schild
dransteht: „Zu verschenken“. Oder wenn es den besten Sperrmüll auf dem
Recyclinghof gegen eine Spende fürs Hospiz gibt. Sperrmüll ist ein Rausch für
mich.
„Geschenke!!! “ brüllt mein Gehirn.
Stühle, Teppiche, Blumentöpfe – ich habe schon so viele Sperrmüllschätze nach
Hause geschleppt. Manches konnte ich richtig gut gebrauchen, manches war
einfach nur schön, anderes: totaler Schrott.
Zugegeben: Meine Schwäche für Sperrmüll ist verhältnismäßig harmlos. (Meine Wohnung versinkt noch nicht im Chaos und tatsächlich habe ich auch schon selbst was für den Sperrmüll rausgestellt.) Aber ehrlicherweise versteckt sich unter meinem Sammelspaß auch eine Charaktereigenschaft, die ich gerne von mir weise. GIER.
Ich finde Gier so unsympathisch und unmenschlich. Gier macht so kurzsichtig und egoistisch. Sie ist nicht immer sofort zu erkennen. Manchmal benachteiligt sie aber andere oder fügt ihnen sogar großes Leid zu. Und: Manchmal schadet man sich sogar selbst. Gier schreit nicht nur „Geschenke“, sondern „Ich zuerst“ und „Ich nehme mir alles, was ich haben kann“.
Und was dann beim unerlaubten Sperrmüllsammeln im schlimmsten Fall zu einer Geldbuße oder Anzeige wegen Diebstahl führen kann, reißt unsere menschliche Gemeinschaft bei Gier im großen, weltweiten, finanz- und geopolitischen Stil regelmäßig in die Nähe des Abgrunds. Ich denke an die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, die Folgen von Fast Fashion. An Umweltsysteme die kippen und an all die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart, bei denen es nicht um Freiheit, sondern um Bodenschätze gegangen ist und immer noch geht.
Ich glaube: Alle Menschen sind mehr oder weniger gierig, Familien, Dorfgemeinschaften, Völker. Gier kann sich als gute Tugenden wie Stolz oder Streben nach Wohlstand tarnen. Aber ich bin überzeugt: Gier ist gefährlich, besonders wenn Gelegenheit, Position und Macht dazu kommen. Dann wird der Umgang mit der eigenen Gier nicht nur zur Charakterfrage – sondern zur Frage, wie wir miteinander leben, im schlimmsten Fall sogar zur Frage über Leben und Tod.
Für mich ist Gier in den vergangenen Jahren zum neuen Wort für Sünde geworden. Gier und Sünde kriegen nicht genug, sie berauschen und machen blind für die Bedürfnisse anderer und oft genug auch der eigenen. Gier und Sünde führen weg von dem Leben, das wir uns eigentlich alle so sehr wünschen.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
