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Kirche in WDR 2 | 27.07.2026 | 05:55 Uhr
Blumen statt Steine
Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Und gestern habe ich mal wieder nach einem Buch von Navid Kermani gegriffen. Das passiert bei mir dann, wenn die Welt gerade mal wieder ein schreckliches Bild abgibt und meine Zuversicht tief in den Keller sinkt. Kermani ist Orientalist, Schriftsteller, Muslim und einer dieser seltenen Menschen, die nicht nur klug und lehrreich, sondern auch warmherzig, poetisch und hin und wieder auch sehr persönlich schreiben können. Das Buch heißt: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen.“ Darin erzählt er seiner heranwachsenden Tochter von der Religion. Genauer gesagt: von dem, was Religionen miteinander verbindet.
Ich habe das Buch in Gedanken an den furchtbaren Anschlag auf die
Menschen aufgeschlagen, die am Samstag in Berlin am CSD teilgenommen haben.
Wieder Hass. Wieder Gewalt. Wieder ein Mensch, der glaubt, er könne das Leben
anderer auslöschen, weil sie anders lieben oder anders leben. Und dann lese ich
bei Kermani: „Wenn wir dem Koran glauben, ist es nie zu spät, mit der Schöpfung
neu anzufangen (…). Gott meint das Prinzip (…) allen Lebens und damit aller
Liebe, denn Leben entsteht aus Liebe.“
Schrecklich naiv. Und furchtbar tröstlich. Kermani schreibt weiter: „Gott
ist gerade nicht das Prinzip (…) des Todes und damit des Hasses, denn der Hass
ist nicht schöpferisch, der Hass macht nur kaputt.“
Eigentlich sollte das selbstverständlich sein. Dafür haben wir das Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Punkt. Religion ist nicht nötig, um zu wissen, dass Hass keine Gesellschaft zusammenhält. Aber ich glaube, Religion kann Menschen daran erinnern, warum das so ist. Christentum und Islam sind im selben Gedanken verbunden: dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum anderen (der ja auch immer der ist, der mir fremd bleibt) zwei Seiten derselben Medaille sind.
Kermani folgert daraus: „Und wenn wir Menschen seinen Geist in uns haben, wie es die Bibel und der Koran lehren, den Geist Gottes und damit das Prinzip des Lebens, dann entsprechen wir unserer eigenen göttlichen Natur, wenn wir lieben, statt zu hassen und wenn wir die Welt bewahren und jeden Tag neu erschaffen, statt sie zu zerstören.“ Wie könnte einer, der in diesem Sinne beseelt ist auch nur die Hand gegen einen anderen erheben? „Die Heiligen sind wie die Erde“ zitiert Kermani islamische Mystiker. „Sie gibt nicht die Steine zurück, die man auf sie wirft, sondern bietet uns stattdessen ihre Blumen an.“ Ich möchte versuchen, in diesem Sinn wenigstens ein winzig kleiner Heiliger zu sein. Auch dann, wenn es schwerfällt. Damit der Hass endlich aufhört. Und Blumen hinhalten, unverdrossen, jeden Tag. Und nicht nur an diesem Montagmorgen.
