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Kirche in WDR 3 | 15.04.2026 | 07:50 Uhr
Himmelsleiter
Guten Morgen!
Manche schlendern vorbei, ohne einen Blick nach oben zu werfen. Andere schauen fasziniert in die Höhe und zücken ihre Smartphones, um das ungewöhnliche Bild festzuhalten und es weiterzuschicken an Freunde und Bekannte. Etliche sind eigens hergekommen mit teuren Kameras, bauen Stative auf und fangen das Motiv nach allen Regeln der Kunst ein: eine goldgelb beleuchtete Leiter am langgestreckten Dach des Kirchturms. Über die Turmspitze hinaus ragt sie in den Himmel, wirft ihren Schein nach oben in die Wolken und nach unten, auf die Fußgängerzone und die umliegenden Häuser der Stadt. Zum zweiten Mal schon ist dieses Kunstwerk als Leihgabe an der St. Lamberti-Kirche in Münster angebracht. Eine österreichische Künstlerin hat es während der Corona-Pandemie geschaffen. Als Symbol der Hoffnung in einer Zeit, die uns in unserem Lebensgefühl so verunsichert hat wie kaum eine Zeit zuvor. Was mögen die Menschen mit dieser Leiter verbinden, die leuchtend in den Himmel weist? Was fasziniert sie an dem Kunstwerk?
Manche wünschen sich vielleicht, irgendwo da oben über den Wolken könnte es gültige Antwort geben auf die vielen ungelösten Fragen. Eine tragfähige Lösung für all die notvolle Verirrung auf der Erde. Eine taugliche Wegweisung zum Frieden. Verlässlichen Halt in der Furcht vor der Zukunft. Wirksame Mahnung zu Barmherzigkeit und Anstand und Respekt.
In einer wunderbaren Geschichte der Hebräischen Bibel wird von einer solchen Himmelsleiter erzählt. Da erscheint sie einem Menschen im Traum. Dieser Mensch hat sich durch Betrug in eine schwierige Lebenslage gebracht, er ist auf der Flucht - vor seiner Familie, vor Gott, vor schier ausweglosen Problemen, vor sich selbst und seiner eigenen Schuld. Im Traum sieht er, wie an der Himmelsleiter Engel hinaufsteigen - und herab. Wohlgemerkt in dieser Reihenfolge: hinauf und herab. Das ist erstaunlich. Ich jedenfalls hätte die Botinnen und Boten Gottes zunächst einmal oben vermutet, im Himmel. Von da, so würde ich denken, steigen sie – wenn es gut geht – herunter zu uns. In dem biblischen Traum von der Himmelsleiter dagegen sind die göttlichen Gesandten längst hier. Sie kommen nicht von oben, sondern sie sind zuallererst unten, ganz nah, mittendrin in dem, was dem träumenden Menschen auf seiner Flucht zu schaffen macht. Das tragen sie von dort hinauf zu Gott. Sie nehmen die menschliche Not mit an Gottes Herz. Das kann und wird nicht ohne Folgen bleiben. Für keine menschliche Not. Auch heute nicht. Auch nicht für Sie und für mich.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3- und 5: )
In dieser Gewissheit grüßt Sie aus Bielefeld Pfarrerin Annette Kurschus.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
