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Kirche in WDR 5 | 28.05.2026 | 06:55 Uhr
Spielräume
Guten Morgen.
„Mensch ärgere dich nicht.“ Meine Oma soll sich als junge Frau beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen einmal so furchtbar geärgert haben, dass sie das Spielbrett kurzerhand in den Ofen geworfen hat. Man muss wissen: Meine Oma war eine sehr sparsame und besonnene Frau. Wegens eines harmlosen Spiels sich so ernsthaft zu ärgern, das passte eigentlich nicht zu ihr. Oder doch?
Spielen ist nicht bloß harmlos. Kein Kinderkram. Im Spielen drücken wir uns als Mensch aus. Auch als Erwachsene lerne ich mich beim Spielen immer wieder neu selbst kennen. Ich probiere Rollen aus, muss Regeln beachten, feiere Erfolge und gehe mit Niederlagen um. Dazu gehört es auch, Gefühlen Ausdruck zu geben, vielleicht sogar einmal unerwartet wie bei meiner Oma. Ich finde es gut, dass sie auch einmal ein Gefühl wie Wut zugelassen hat. Das Beispiel mit dem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel zeigt mir: Das Spielerische kann schneller in Ernst umschlagen, als mir das lieb ist.
Dabei brauche ich das Spielerische im Leben, gerade wenn es ernst wird. Wie schnell verlasse ich sonst die spielerische Ebene und werde bitterernst und wütend. Wenn dann alle Spielräume dahinschmelzen, bleibt nur noch Wut und das Spiel landet im Ofen. Nicht nur beim Mensch-ärgere-dich-Spielen.
Die Lebens-Kunst besteht darin, den Ernst und das Spielerische in eine Balance zu bringen. Wir brauchen im Leben nämlich Spielraum, um schwierige Situationen zu meistern. Sonst handeln wir nur nach starren Regeln und Mustern und sind unseren negativen Impulsen ausgeliefert. Das erleben wir ja nicht nur privat, sondern auch in der Gesellschaft und in der Weltpolitik.
Der Weltspieltag erinnert uns daran. Lange war der heutige 28. Mai der Weltspieltag. Seit kurzem wird er am 11. Juni gefeiert. Er erinnert mitten in der politischen Großwetterlage, die wahrhaft kein Spiel ist, an das Grundbedürfnis des Menschen: sich spielerisch zu entfalten. Nicht auf Kosten der anderen. Sondern zum Besten aller. Der Weltspieltag verfolgt ein ernsthaftes Anliegen: Die spielerische Seite mitten im Ernst des Lebens wachzuhalten.
Mich erinnert das an eine wunderschöne Spielszene in der Bibel: Da tritt Gott in Gestalt einer Person auf und spielt. Er schlüpft in die Rolle der Weisheit und erschafft spielerisch die Welt. Längst vor dem Weltspieltag erinnert schon die Bibel daran: Dem Menschen ist das Spielerische in die Wiege gelegt. Es gehört zum Menschsein dazu. Ja, es ist geradezu ein göttlicher Auftrag an jeden von uns: Nutze deine Spielräume bewusst zum Wohl aller. Gerade in dieser Zeit, wo ungebremste Wut Spielräume zunichtemacht, und das friedliche Zusammenleben bedroht.
Vielleicht spiele ich heute eine Runde „Mensch-ärgere-dich nicht“ – ohne die Ofen-Variante.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Es grüßt Sie herzlich, Adelheid Ruck-Schröder, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen aus Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
