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Das Geistliche Wort | 01.02.2026 | 08:40 Uhr
Momente des Leuchtens
Morgenabend werde ich zuhause meine leuchtenden Herrnhuter Sterne aus den Fenstern herausnehmen. Sie hängen dort seit dem 1. Advent. Ich lasse die Sterne gerne so lange hängen. Sie lassen die dunklen Tage zumindest etwas heller werden. Nach alter Sitte endet die Weihnachtszeit morgen, am 2. Februar. So schließt sich dann der Kreis. Die Sterne strahlten in den dunkelsten Monaten des Jahres. Meine Sterne haben einen schönen goldgelben Farbton und verbreiten ein richtiges Leuchten! Ich mag das sehr – ich hoffe, meine Nachbarn auch.
Guten Morgen aus Münster. Ich bin Ursel Schwanekamp, Seelsorgerin in der Lambertipfarrei und am Paulusdom. Mir geht im Moment das Leuchten durch den Kopf,– auch wegen des Festes, das die Kirche morgen feiert. Im Volksmund wird es kurz „Lichtmess“ genannt.
Musik 1: Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Ich kann Ihnen leider keine Lichtstrahlen durchs Radio senden, aber Töne von einem Lichtprojekt, das mir echt wichtig geworden ist. Was Sie gerade gehört haben, ist der digitale Soundtrack von „Luminiscence“. Dieses in Deutschland bislang einmalige Projekt hat vier Monate den Paulusdom hier in Münster zum Leuchten gebracht. Von September bis vor zwei Wochen durfte ich da mitmachen. Im Chor. Was Sie gehört haben, ist die Musik von Luminiscence.
Der Anlass für dieses Projekt war der 800. Jahrestag der Grundsteinlegung des Doms. Die Geschichte des Paulusdoms wurde lebendig durch Text und Musik - und durch wahre Bildexplosionen. Ich kann ihnen den Raumeindruck hier gar nicht richtig wiedergeben. Es war faszinierend! Der Dom leuchtete wirklich – das Licht und die Farben der Projektionen waren so intensiv, dass ich anfangs dachte: der Dom ist für den Moment genauso ausgemalt. Die Projektoren nutzten die Wände und das Gewölbe wie eine Leinwand. Mal leuchtete der Dom in blau und im Gewölbe wimmelte es von kleinen Spiralen. Immer wieder beeindruckt hat mich diese eine Stelle in der Inszenierung, in der das Dach offen zu sein schien. Als würde ich in den Himmel schauen. Und das mitten in der schwarzen Winternacht.
Das war ein Projekt mit Strahlkraft über Münster hinaus. Mehr als 120 000 Menschen haben Luminiscence besucht.
Musik 2:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Ich konnte als Teil des Chores sehen, welche Wirkung „Luminiscence“ bei den Menschen hatte. Welcher Glanz auf ihren Gesichtern lag. Nach der dritten oder vierten Vorstellung ist mir aufgefallen, dass immer bei bestimmten Stellen im Programm in den Reihen der Zuschauer die Handis gezückt wurden. Die Leute wollten das Leuchten des Doms gerne festhalten und es anderen hinterher zeigen. Manche Besucher sahen aus, als würden sie sich ganz in den Anblick hinein versenken. Sie waren sprachlos, einige zu Tränen gerührt und ergriffen. Manche wirkten geflasht. Ich werde nicht vergessen, in wie viele begeisterte und strahlende Gesichter ich geschaut habe, wenn wir nach der Vorstellung durch den Mittelgang hinaus gegangen sind. Die Menschen nahmen das Leuchten in ihren Augen mit heraus aus dem Dom. Erst nach ein paar Wochen ist mir dank meiner dürftigen Französischkenntnisse deutlich geworden, dass „Luminiscence“ auf Deutsch auch „Leuchten“ heißt. Hören wir doch noch mal rein…
Musik 3:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Luminiscence im Münsteraner Dom - das war eine tolle Erfahrung. Es war natürlich auch Arbeit. Vom technischen Aufwand, der hinter diesen Projektionen steckt, will ich jetzt gar nicht erst anfangen. Aber auch für uns als Chor war es aufwendig. In all den Wochen war ich gar nicht an so vielen Abenden beteiligt. Manche haben sich noch deutlich mehr engagiert. Ich mache das nicht als Profi – ich bin ja Seelsorgerin im Hauptberuf. Es war herausfordernd nach dem Einstieg und der Aufregung der ersten Aufführungen immer voll bei der Sache zu bleiben. Die Gefahr ist, dass sich die Routine von ihrer ungünstigen Seite hereinschleicht. „Ach ja, ich kenne das ja alles schon.“ Und - zack - schon hat man den Einsatz verpasst. Vor allem, wenn ich drei Vorstellungen am Abend hatte. Ich wurde da schon mal müde und im Dom wurde es kalt. Aber: es war wunderbar ein zu Teil sein von diesen Momenten, die den Besuchern das Leuchten ins Gesicht zauberten.
Das passiert manchmal auch in meinem Beruf. Als Seelsorgerin kenne ich solche Momente von Schönheit, auch von Solidarität oder Trost. Die können verändern. Nicht so sehr die geschliffenen Worte, sondern das, was zu Herzen geht. Ein Blick, ein Händedruck, Musik. Oder eben: ein aufstrahlendes Licht.
Und genau darum geht es auch bei dem Fest, das die katholische Kirche morgen feiert. Früher schloss es die Reihe der weihnachtlichen Festtage ab: Advent, Weihnachten, das Fest der Heiligen Drei Könige, Taufe des Herrn und jetzt eben morgen: Mariä Lichtmess. So nennt es der Volksmund. Offiziell heißt es „Darstellung des Herrn.“ Und dabei geht es um einen Moment, der alles verändert hat für diejenigen, die ihn erlebt haben. Denn da strahlte etwas auf. Und auf diesen Moment hatten Zwei lange gewartet. Die Bibel berichtet von diesem Warten:
Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Símeon.
Dieser Mann war gerecht und fromm
und wartete auf den Trost Israels,
und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden,
er werde den Tod nicht schauen,
ehe er den Christus des Herrn gesehen habe
So schreibt der Evangelist Lukas von diesem alten Mann, der Tag für Tag im Tempel wartete. Und da ist er nicht allein: Ebenso berichtet Lukas von der greisen Prophetin Hanna, die auch auf den Trost Israels wartete.
Manche Menschen warten lange auf einen Moment, der ihr Leben noch mal in ein anderes Licht stellt, auf so etwas wie: Erleuchtung.
Musik 4:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Es muss ein merkwürdiger Moment gewesen sein, als diese alten Leute dann auf die kleine Familie trafen: Maria, Josef und das Jesuskind waren im Tempel. Sie werden dort ja nicht die einzigen gewesen sein – und doch wurde diese Begegnung für alle Beteiligten besonders. Denn ihre Leuchtkraft ist bis heute im biblischen Text übermittelt. Und sie strahlt auf in den Worten, die Lukus den greisen Simeon sagen lässt, als er den kleinen Jesus erblickt. Seine Worte sind bis heute das Nachtgebet der Kirche:
„Nun lässt du, Herr, deinen Knecht,
wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
das du vor allen Völkern bereitet hast,
ein Licht, das die Heiden erleuchtet,
und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“
Da ist es wieder: das Leuchten. Ich hätte es gerne gesehen im Gesicht von Simeon. Darf ich das vergleichen mit dem Leuchten in den Gesichtern der Besucher von Luminiscence?
Diesen Simeon-Moment können Worte schwer fassen. Durch die Jahrhunderte haben Künstler versucht, diesen Moment einzufangen. Dieses Leuchten.
Ein Gemälde hat sich mir besonders eingeprägt. Es stammt von dem Maler, der zu seiner Zeit ein Meister war von Licht und Schatten und es war sein letztes Bild: ich spreche von Rembrandt. Sein Bild namens „Simeon mit Jesusknabe“ fällt auf durch ein besonderes Leuchten, durch eine besondere Lichtwirkung. Simeon ist mit seinem leuchtenden Gesicht im Vordergrund zu sehen. Etwas dahinter Hanna, deren Antlitz auch Licht widerspiegelt. Simeon hält Jesus in den Armen. Und der Kleine leuchtet förmlich aus sich heraus. Er schaut dem Alten direkt ins Gesicht. Das Bild strahlt eine große Ruhe aus. Und eine große Nähe zwischen den beiden.
Musik 5:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Vor kurzem habe ich ein Kind gesehen, das hat auf eine Art auch so gestrahlt wie der Jesusknabe in Rembrandts Gemälde. Nicht mit Licht. Das Kind hat einfach so geleuchtet, wie es da war.
Das war tatsächlich auch in einer Kirche: das Kind tanzte zum Orgelspiel am Ende einer Messe. Es drehte sich, es schlug ein Rad, es wog sich zur Musik von einer Seite zur anderen. Es war ganz bei sich. Und voll in dem Moment. Es hat niemanden gestört – es war richtig schön anzusehen. Von diesem Moment ging auch ein Strahlen aus. Was hatte das Mädchen da wohl vor Augen?
Was passiert, wenn jemand so leuchtet? Was geht in jemandem vor, der so richtig strahlt? Ich vermute, so jemand ist dann total im Augenblick und in der Gegenwart. Alles, was drumherum geschieht, wird unwichtig.
Ich behaupte jetzt mal was: in solchen Momenten ist man ganz mit Gott verbunden. Ganz in der Versenkung – nicht verschwunden - sondern „in seine Lieb‘ versunken“ – da klingt für mich die halbe Zeile durch von der 2. Strophe aus dem Weihnachtslied „Zu Bethlehem geboren“. Da heißt es: „In seine Lieb versenken, will ich mich ganz hinab.“
Ich bin mir sicher: Diese Verbundenheit mit Gott kann es auch geben, ohne dass man ausgewiesen christlich oder kirchlich wäre. In solchen Momenten macht sich Gott bemerkbar. In so einem Moment geht von Menschen auch eine „Luminiscence“ aus.
Musik 6:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Nicht nur durch meine Chorerfahrung weiß ich: es ist nicht immer leicht, von innen her zu leuchten. Und zum Strahlen ist einem sicher auch nicht immer zumute. Ich glaube aber, solche Momente gibt es.
Das Gebet des Simeon gehört zum Abendgebet der Kirche. Und das ist klug. Denn Abend für Abend bietet dieses Gebet an, auf die Momente voller Glanz, Licht und Strahlen zu schauen. Wo haben wir an diesem vergangenen Tag etwas Gutes gesehen? Vor dem Einschlafen diesen forschenden Gedanken nachzugehen, das stärkt und das heilt. Vor allem in dunklen Zeiten. Und da spreche jetzt nicht vom Tageslicht, sondern von der Weltlage. Vielleicht könnte diese gezielte Wahrnehmung Abend für Abend sinnvoll sein, um unsere Widerstandskraft zu stärken gegen alle Negativmalerei. Sie könnte eine Art „Frustschutz“ sein und zu „Mutausbrüchen“ führen. Solche Augenblicke ändern nicht sofort die Welt – aber sie ändern uns. Und aus genau dieser Erfahrung wächst die Kraft, dem Dunklen etwas entgegenzusetzen.
Morgen feiert die Kirche einen „Frustschutz“, indem das Leuchten gefeiert wird. Und dabei greifen wir Katholiken wieder in unsere spezielle Trickkiste. Entschuldigen Sie bitte diese saloppe Ausdrucksweise, für etwas, das ich selber sehr gerne mag: In den Gottesdiensten werden morgen Kerzen geweiht. Und viele nehmen sie dann mit nach Hause. Auch eine Art Luminiscence! Das hilft, die Dunkelheiten heller zu machen. Diese gesegneten Kerzen werden traditionell dann herausgeholt und angezündet, wenn es Probleme gibt, wenn beispielsweise jemand krank ist.
So eine einfache Kerze oder auch der bewusste Blick auf Situationen, von denen etwas Gutes ausgeht – das sind Momente, in denen ich denke, dass mir Gott liebevoll über die Schulter schaut.
Musik 7:
Aus der Inszinierung "Luminiscence"
Morgen Abend werde ich die leuchtenden Sterne in Kartons packen. Es ist jetzt auch schon lange nicht mehr so dunkel, Gott sein Dank. Ich packe die Sterne weg, aber ich hoffe, dass ein Leuchten bleibt.
Es grüßt sie herzlich aus Münster
Ursel Schwanekamp
