Beiträge auf: wdr4
Kirche in WDR 4 | 05.08.2026 | 08:55 Uhr
Bildstörung
Guten Morgen,
Er ist ein schöner Mann, stark und siegreich. Das sieht man und soll es auch. Kräftiger Bart pralle Muskeln, wallendes Haar. Dreimal größer als die, die unter ihm stehen. Er führt sie am Ring durch die Manege. Wortwörtlich. Ein Ring durchbohrt ihre Nasen, daran eine Leine, die hält er mit eiserner Faust.
Nur, so richtig fest ist die Faust nicht. Der steinharte Kerl hat überall Risse. Er, das ist Asarhaddon, also sein Standbild, 3,20 m hoch, aufgestellt vor rund 3000 Jahren als Siegessäule in der Türkei. Asarhaddon ist König von Assur, der ersten Weltmacht im Alten Orient. Er herrschte vom Irak und Iran, über Syrien und Israel, Jordanien bis nach Ägypten, vom Mittelmeer bis zum Kaukasus (1)
Der König der Welt, so heißt nur einer von seinen unzähligen Titeln. Niemand unterwarf mehr Völker, keine Armee ist damals siegreicher und keine brutaler gewesen. Vor seinem Glanz zittern alle – und sollen es auch. So altmodisch und doch so modern.
Bloß: Es, wurden nicht nur Siegessäulen von ihm gefunden, sondern auch tausende Staatsdokumente, Briefe, sogar Arztberichte. Säuberlich in Tontafeln geschrieben, die halten praktisch ewig. Denn Asarhaddon, der Herr der Welt, den alle als schön und stark zu bestaunen hatten, ist chronisch krank. Entzündungen, Tinnitus und Beulen und Ausschlag am ganzen Körper – und nichts hilft.
Er selbst ist voll Scham und Wut über seine Krankheit. Ganz zu schweigen von seiner Angst vor Umsturz und Attentaten. Manchmal, so scheint es, bleibt Asarhaddon für Tage im Bett. Das wieder macht seine Berater nervös. Es gibt einen drollig-traurigen Brief seines Arztes. Da steht: Mein Gebieter - „Der König, der Herr Welt, ist das lebende Abbild des Sonnengottes, er möge den halben Tag im Dunkeln sein, aber die andere Hälfte da muss er scheinen und strahlen. […] (2)
Ob Asarhaddon das geholfen hat? Nun, allzu viel Mitleid habe ich nicht. Der kranke König ist ein brutaler Machtmensch, lässt eines Tages seinen halben Hofstaat hinrichten, seine Armeen pressen die ganze Welt aus. Aber ich merke auch: Die Logik der Größe, Gewalt und männlicher Stärke tötet, quält und verbiegt alle. Sogar die Herrscher und Täter selbst. Schade, dass das immer noch, immer neu so verlockend ist.
Zu den Völkern, die Asarhaddon beherrscht hat, gehörte auch das jüdische. Auch da erzählt man – wie in Assur – von einem lebendigen Bild Gottes. Das sieht allerdings ganz anders aus: „Da schuf Gott die Menschen, als göttliches Bild … männlich und weiblich schuf Gott sie“ – heißt es im ersten Kapitel der Bibel.
Nicht der eine strahlende, große, natürlich männliche Herrscher wird hier gepriesen. Nein jede und jeder, alle die Mensch sind, sind Spiegelungen Gottes. Jede für sich und alle gemeinsam.
Welch große Auszeichnung,
welch ur-demokratischer Weckruf für die unantastbare Würde aller Menschen und
welch gute Nachricht für die erbärmlich erschöpften Helden auch.
Einen glänzenden Tag wünscht Ihnen, Ihr Jan-Dirk Döhling aus Schwerte.
Quellen:
(1) Zur sog. Zincirli-Stele vgl. https://recherche.smb.museum/detail/1744130/siegesstele-des-k%c3%b6nigs-asarhaddon-von-assyrien-%c3%bcber-%c3%a4gypten (zuletzt abgerufen am 21.07.26)
(2) Zum Arztbrief vgl. SAA 10 196, A King may not stay in the dark, in https://oracc.museum.upenn.edu//saao/P333957
Mikko Luuko, Some Remarks on the King of Assyria as the Sun God, in: R Mattila, R Rollinger & S Fink (eds), Deciphering Assyria: A Tribute to Simo Parpola on the Occasion of his 80th Birthday. Melammu Workshops and Monographs, no. 9, Zaphon Verlag, Münster, pp. 189-205.
Amanda H. Podany, Weavers and Scripes. A new History of the Ancient Near East, Oxford University Press 2022, 472-472.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
