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Hörmal | 05.07.2026 | 07:45 Uhr
Gott Segne Amerika
250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit. Das wurde gestern gefeiert. Und heute klingt für mich immer noch ein Lied nach. – Nein, nicht die Nationalhymne der Vereinigten Staaten, sondern die inoffizielle Nationalhymne der US-Amerikaner und die kennt wahrscheinlich fast jeder auch hierzulande: „God bless America, land that I love.“
„Gott segne Amerika, Land, das ich liebe.“ Auch wenn fast immer nur der Refrain gesungen wird: Das kurze Lied strotzt vor Heimatliebe. „Lasst uns einem freien Land Treue schwören“, heißt es da. Oder: „Lasst uns (…) unsere Stimmen zu einem feierlichen Gebet erheben“. Diese fast religiöse Heimatliebe ist hierzulande und heutzutage eher schwer nachvollziehbar. Aber: Das Lied hat eine Geschichte. Und die ist interessant. „God bless America“ wurde 1918 von Irving Berlin geschrieben. Es war das Jahr, in dem er amerikanischer Staatsbürger wurde. Irving Berlin war Jude aus Osteuropa. Ein Geflüchteter. 1918 kämpfte er bereits für die USA im Ersten Weltkrieg.
25 Jahre zuvor war er als fünfjähriger mit seiner Familie nach New York geflohen. In seiner Heimat, dem heutigen Belarus, tobten damals antisemitische Pogrome. Für Irving Berlin war Amerika der sichere Hafen und wirklich: ein Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Seine Biografie liest sich wie der amerikanische Traum, wo aus einem Tellerwäscher ein Millionär werden kann. Nach dem frühen Tod seines Vaters trägt Berlin zum Lebensunterhalt seiner Familie als Zeitungs- und Botenjunge bei. Er arbeitet als Straßenmusiker, fängt mit 14 in einem New Yorker Café als singender Kellner an und bringt sich selbst das Klavierspielen bei. Schon bald schreibt er Texte und komponiert Lieder. Mit 23 gelingt ihm der Durchbruch. Von den über 1000 Songs, die er schreibt, sind neben „God bless America“ bis heute weltbekannte Hits „White Christmas“ oder „There‘s No Business Like Show Business“. Mit sagenhaften 101 Jahren stirbt er 1989 in New York City. Was für ein Leben!
Tatsächlich wird „God bless America“ erst 1938 öffentlich aufgeführt, nachdem Berlin es textlich noch einmal überarbeitet hat. Dann tritt es allerdings seinen Siegeszug an. Mit den Einnahmen gründet Berlin einen Fonds, um Pfadfinderinnen und Pfadfinder zu unterstützen. Berlin will so dem Land etwas zurückgeben, von dem er so viel bekommen hat. Er liebte Amerika, weil es ihn, den Einwanderer, liebte. Ja, das Lied „God Bless America“ ist eine Liebeserklärung an sein Land, eine Lobeshymne.
Ich frage mich allerdings: Würde Irving Berlin heute als Geflüchteter überhaupt noch in die USA einwandern dürfen? Wie steht es heute um das „Land of the free“, das „Land der Freiheit“? Schon die Unabhängigkeitserklärung vor 250 Jahren spricht von Demokratie und unveräußerlichen Menschenrechten. Und so war Amerika lange Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt, wie eben Irving Berlin und seine Familie. Und heute?
„God Bless America“, das ist keine Feststellung, wie gesegnet Amerika ist. Es ist vielmehr immer noch Bitte und Gebet: Gott, segne Amerika! Und nicht nur Amerika.
