Beiträge auf: wdr2
Kirche in WDR 2 | 29.10.2026 | 05:55 Uhr
Eine Hand reichen
Er ist eine eindrucksvolle Erscheinung: Zwei Köpfe größer als ich, sehr muskulös. Glatze und Vollbart. Überall Tattoos: Hände, Arme. Hals, Gesicht. Ein Typ, dem man in der U-Bahn freiwillig den Sitzplatz überlässt. Einfach nur zur Sicherheit.
Wenn man ihn kennt, weiß man: Alles Vorurteil. Er ist ein total netter Kerl. Wir unterhalten uns oft: Über das Wetter, Sport, Politik. Religion. Freundlich und fröhlich.
Er erzählt: Früher ist das nicht so gewesen. Da hat er sich tatsächlich so benommen, wie es dem Vorurteil entspricht: Laut, aggressiv. Kriminell. Und alle haben von „so einem“ Abstand gehalten. Er erzählt: „Irgendwann habe ich mir dann gesagt: Wenn alle das so sehen, ok, dann bin ich eben so. Fertig.“
„Aber dann habe ich diese Therapie gemacht.“, sagt er. „Da habe ich Menschen getroffen, die haben mich erst einmal einfach angenommen. Die haben mir natürlich auch klar gemacht: das Aggressive, das Kriminelle, das geht gar nicht. Aber sie haben mich respektiert. Und dann war da Platz in mir für Veränderung.“
Ich muss an die Geschichte vom Zöllner Zachäus denken. Aus der Bibel. Auch das einer, über den alle schon ihr Urteil gefällt haben: „Ein Kollaborateur. Für Geld tut der alles. Ein fieser Typ.“ Und jeder hält Abstand. Erst als Jesus vorbeikommt, ändert sich das: Jesus reicht ihm die Hand. Die beiden treffen sich zum Abendessen. Und das verändert ihn: Weil da plötzlich jemand ist, der ihm auch zutraut, anders zu sein.
Gut, sich daran erinnern zu lassen.
Denn ich erlebe: Heute ist man schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken. Wegen ihrer Herkunft. Wegen ihrer politischen Haltung. Einfach, weil sie anders sind, als man selber das gerne hätte. Schublade auf, Mensch rein. Alles klar: Mit so einem will ich nichts zu tun haben.
Dann sind die Fronten klar. Und alles bleibt, wie es ist - feindselig.
Nur: Richtig glücklich ist damit eigentlich niemand.
Was passiert, wenn man die Schubladen weglässt? Wenn man sich die Hände reicht, von Mensch zu Mensch, respektvoll und mit einem kleinen Vorschuss an Vertrauen? Dann wird plötzlich Veränderung möglich. Bei meinem Gegenüber und bei mir selbst. Und: Wir finden vielleicht wieder zurück zu einem guten Miteinander. Freundlich und fröhlich.
Nun: Bei Zachäus hat das funktioniert. Bei diesem netten, tätowierten Riesen auch. Und vielleicht funktioniert es ja sogar bei Menschen, von denen ich gerade denke: Mit so einem kann man doch überhaupt nicht reden.
Könnte man ja einfach mal ausprobieren.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
