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Kirche in WDR 3 | 01.10.2026 | 07:50 Uhr
Plötzlich Engel
Guten Morgen!
Nein, der Mann war alles andere als der geborene Superheld. Trug keinen Smoking, fuhr keinen Flitzer mit Raketenantrieb, konnte nicht tauchen oder Fallschirm springen, hätte keine Bombe cool im letzten Moment zu entschärfen gewusst. Keine Rede davon. Er hieß auch nicht Bond – sondern Aguzzi, Mattia Aguzzi, genauer gesagt, wohnhaft in Turin, Italien. Weiß Gott, kein Superheld: Verwaltungsangestellter! Der Mann verbrachte seine Tage zwischen Aktenordnern und Stempelkissen, ging morgens ins Büro und abends – nach acht Stunden Schreibtisch - brav nach Hause. So lief es von Montag bis Freitag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ein ganz normales Erdenleben.
Bis zu jenem Samstag vor drei Jahren. Es ist Ende August, samstags morgens um 11. Mattia Aguzzi ist auf dem Weg zum Bäcker. Erfreulich spät, das muss man sagen, nicht auszudenken, der Hunger hätte ihn schon früh am Morgen losgetrieben. Gott sei Dank, Aguzzi ist ausgeschlafen – und so kommt er genau zur rechten Zeit zum rechten Ort - und reagiert im Bruchteil von Sekunden. Ein schreiender, heftig gestikulierender Mann an einem Fenster erweckt seine Aufmerksamkeit – und im Nu erfasst Aguzzi die Lage, sieht gegenüber auf einem Balkon im 5. Stock ein kleines Kind auf der Brüstung balancieren – und in diesem Augenblick stürzen. Und wie auch immer er das schafft, Mattia Aguzzi springt hinzu, nutzt die kurzen Sekunden zwischen Absturz und Aufprall, um unten genau dort zu stehen, wo er gebraucht wird: die Arme weit ausgebreitet wie Flügel, um das Kind zu bremsen, zu fangen. Beide gehen zu Boden, für Sekunden herrscht Totenstille auf der Straße, als ständ‘ die Erde still. Und dann beginnt das Kind zu weinen. Vor Schreck und der paar Schrammen wegen, aber beide sind nur leicht lädiert, Lappalien, vergiss es.
Ein paar Augenblicke nur, eine winzige Sequenz an einem Ort, an einem Tag, Turin, Italien. Und zugleich eine kurze Geschichte von fast allem. Vom Leben und seiner Zerbrechlichkeit, von Unglück und Glück, von Angst und Trost, von Gefahr und Rettung, von Weinen und Lachen, eine Geschichte vom großen, täglichen Unsinn und vom tiefen Sinn des Lebens.
Als Held ist der Retter damals wochenlang gefeiert worden. Man kann das auch anders bezeichnen: Plötzlich ist einer zum Engel geworden.
Gott hat seinen Engeln befohlen „…dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (Die Bibel, Psalm 91,12) Heißt es in einem alten Bibelwort zum vornehmsten Auftrag der Himmelsboten.
Viele denken ja eher selten an Engel. Wenn sie an die Menschheit denken, geht ihnen eher der Spruch von den alten Römern durch den Kopf: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“
Der Mensch kann dem Menschen jederzeit zum Engel werden - möchte ich dagegenhalten. Gelingt nicht immer – und schon gar nicht so spektakulär wie damals in Turin. Aber wo immer der Mensch einen anderen rettet, behütet, bewahrt, da hat - das glaube ich fest - der Himmel seine Hand im Spiel. Gott sei Dank – und seinen Engeln.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Ihr Ulf Schlüter, Soest.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
