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Sonntagskirche | 12.07.2026 | 08:55 Uhr
Das leichte Kreuz
Guten Morgen!
Das war in Paris. Stadt der Liebe und der Kunst. Flanieren, schauen und gut essen.
Wir sind zu Besuch. Eine Kirchengemeinde hatte uns eingeladen.
Der Raum ist – naja…
Also sagen wir mal: ein bunter Stilmix.
Linoleumboden und eine Toilette halbe Treppe.
Waschbeton kombiniert mit modernen Wandpaneelen.
Eine abgeschrammelte Tischplatte auf Holzböcken.
Darauf eine feine weiße Tischdecke und Getränke in Plastikflaschen.
Gesangbücher in bunten Schutzumschlägen neben silbernem Abendmahlsgeschirr…
Und ich denke leicht lästerlich:
„Pariser Chic“ geht anders…
Wir sind eingeladen worden, um von dieser Kirchengemeinde zu hören.
Eine Kirchengemeinde, die unter ganz anderen Umständen arbeitet:
Klein. Und wie überall in Frankreich keine Kirchensteuer; ein Verein mit gleichen Rechten wie ein Tierschutzverein in etwa.
In den Räumen findet sonntags Gottesdienst statt, am Montag trifft sich die Theatergruppe, dienstags werden die Tische für die Kleiderkammer der Wohlfahrt gebraucht, mittwochs benutzt sie die Hausaufgabenhílfe. Und Donnerstag wird der ganze Raum freigeräumt für die Yogagruppe.
Stolz erzählt die Pfarrerin von der Arbeit im Quartier. Für mich klingt das nach Kuddelmuddel. Sie spricht von einem sozialen Treffpunkt für alle Nachbarn. Und auch davon, wie schwer es ist, immer wieder zwischen den verschiedenen Gruppen zu vermitteln und genügend Raum und Zeit zur Verfügung zu stellen.
Ich bin abgelenkt.
Mein Blick gleitet zu den Fenstern und dem Altar.
Und immer wieder zu dem Kreuz, das vor den edlen Wandpaneelen hängt.
Es passt wirklich nicht in den Raum.
Eigentlich sind es zwei Latten aus Bauholz. Deutlich kann ich die Kratzer und Bohrlöcher im Holz sehen. Und ich ahne, wie viele Hände sich Splitter daran gerissen haben.
Schließlich frage ich die Pfarrerin.
Und sie erzählt von einem ihrer Vorgänger. Er hatte das Sozialzentrum gegründet und etwa eine halbe Stunde vor der feierlichen Eröffnung war ihm aufgefallen: Wir nennen uns Kirche - jedenfalls am Sonntag -, aber ein Kreuz gibt es hier nicht.
Da ist er schnell auf die Baustelle gegangen und hat zwei Latten vom Bauzaun zusammengenagelt.
Ein Handwerker hat zwei Haken dafür in die Wand geschraubt.
Vor fünfzig Jahren ist das gewesen. In den wilden 70ern. Seitdem hält das Kreuz, und es hält jeder Veränderung stand. Manchmal wird es umgehängt, wenn es Samstag das kommunale Kino stört, zum Beispiel. So erzählt es die Pfarrerin.
Und dann geht sie zum Kreuz und nimmt es mit einer Hand von den Haken.
Es ist so leicht, dass sie es tragen kann.
Leicht wie zwei Baulatten eben sind.
Es hält das ganze Kuddelmuddel zusammen.
Einen leichten Sonntag wünsche ich Ihnen.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
