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Kirche in WDR 5 | 10.07.2026 | 06:55 Uhr
Rechthaberisch
Guten Morgen!
Ich gebe es nicht gern zu, aber ich kann ziemlich gut recht haben.
Also, jedenfalls innerlich. Vor allem drei Stunden nach einem Gespräch. Dann fällt mir genau der Satz ein, der alles geklärt hätte.
Recht haben kann sich gut anfühlen. Wenn ich weiß: Da liege ich richtig. Wenn ich die Fakten auf meiner Seite habe. Wenn jemand etwas behauptet, das so einfach nicht stimmt. Dann juckt es mich zu widersprechen. Und manchmal ist das auch nötig. Nicht jede Meinung ist harmlos. Nicht jede Behauptung darf einfach stehen bleiben. Wahrheit ist wichtig. Klarheit auch.
Aber ich merke: Es gibt einen Punkt, an dem Recht haben nicht mehr reicht. Zum Beispiel am Küchentisch. Eigentlich ging es nur darum, wer den Müll runterbringt. Plötzlich geht es um Grundsätzliches. Um Immer und Nie. Um „typisch du“. Und selbst wenn ich in der Sache recht habe, wird davon noch nichts heil.
Oder im Internet. Jemand schreibt etwas, das mich ärgert. Ich tippe eine Antwort. Erst sachlich, dann schärfer. Ich lese sie noch einmal und merke: Ja, das stimmt alles. Aber es wird nichts besser machen. Es wird nur lauter.
Recht haben kann eine merkwürdige Form von Unfreiheit werden. Ich muss dann noch einen Satz sagen. Ich muss noch einmal nachlegen. Ich muss beweisen, dass ich richtig liege. Und am Ende steht da vielleicht ein Sieg, aber kein Frieden.
Für Jesus war Wahrheit wichtig. Aber er hat sein Gegenüber nicht einfach mit Richtigkeiten erschlagen. Er hat gefragt. Zugehört. Geschichten erzählt. Manchmal geschwiegen. Manchmal klar widersprochen. Aber immer ging es um mehr als darum Recht zu haben. Es ging ihm um den Menschen.
Daran möchte ich mich erinnern, wenn ich wieder recht haben will. Was ist gerade wichtiger: dass ich gewinne? Oder dass Verbindung möglich bleibt? Muss ich diesen Satz wirklich noch sagen? Oder darf er auch einmal ungesagt bleiben?
Das ist nicht Feigheit. Manchmal ist es sogar ziemlich schwer.
Da macht zum Beispiel jemand eine politische Bemerkung, die mir querliegt. Der Reflex ist sofort da: Stopp, so nicht. Und vielleicht muss genau das auch gesagt werden. Aber die Frage ist, wie. Mit der Tür zu? Oder so, dass noch ein Gespräch möglich bleibt? Es macht einen Unterschied, ob ich sage: „Das ist Unsinn.“ Oder ob ich sage: „Ich sehe das anders. Darf ich sagen, warum?“ Der Inhalt kann derselbe sein. Der Ton entscheidet, ob daraus ein Schlagabtausch wird oder ein Gespräch.
Nicht immer gelingt mir das. Manchmal bin ich zu schnell. Und manchmal zeigt sich auch später, dass ich selbst danebengelegen habe.
Der Glaube nimmt mir nicht den Verstand. Im Gegenteil. Er lädt mich ein, ihn mit Liebe zu benutzen. Klar zu bleiben, ohne hart zu werden. Wahr zu reden, ohne zu verletzen. Und manchmal auch zu schweigen, ohne innerlich beleidigt weiterzureden.
Mein Vorsatz für heute: Ich muss nicht jedes Gespräch gewinnen. Vielleicht lasse ich einen klugen Satz weg, wenn er nur dazu dient, mich größer zu machen. Vielleicht sage ich klar, was ich denke, aber so, dass der andere Mensch nicht gleich mit erledigt wird. Recht haben reicht nicht. Ich möchte heute lieber recht freundlich bleiben. Und wenn möglich: recht menschlich.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und WDR 5:)
Ihr Pfarrer Oliver Kießig aus Köln.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
