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Hörmal | 26.04.2026 | 07:45 Uhr
Wenn Geschichte nachklingt
Emil ist aus dem Reisebus gestiegen. Müde, übernächtigt und merkwürdig still. Auch zu Hause hat er erstmal nichts gesagt: Die Orchesterreise nach Polen, der Besuch des Konzentrationslagers in Auschwitz wirkt nach. Der Vierzehnjährige ist voll von Eindrücken und Erlebnissen. Das alles muss sich wahrscheinlich erst setzen.
Tage später, in seinem Zimmer, fängt er an zu erzählen. Erzählt von den
Bahngleisen. Davon, wie sie durch das Tor hindurch ins Lager führen. „Für uns
war das eine Station auf der Reise“, sagt Emil. „Für die Menschen damals war
dort die Reise zu Ende. Oft hatten sie nur noch wenige Stunden zu leben.“ Am
bewegendsten waren für ihn die Räume mit den Erinnerungsstücken: Ein Raum
voller Schuhe. Tausende: große, kleine, abgetragene Schuhe. Auch Kinderschuhe.
Und ein Raum voller Haare. „Das waren Menschen wie du und ich“, sagt Emil leise.
In einem der Räume hat er einen Babystrampler entdeckt, ganz klein. „Den hatte
vor langer Zeit ein kleines Kind an.“ Mehr sagt Emil nicht dazu. Muss er auch
nicht.
Genau darum geht es beim
Erinnern: Erzählen, was man gesehen und erlebt hat.
So bleibt das, was Emil gesehen hat, nicht einfach Vergangenheit.
Schon in der Bibel wird genau dazu ermutigt: „Hüte dich und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben … und dass du es deinen Kindern und Kindeskindern erzählst.“ (1) Nicht vergessen, was die Augen gesehen haben. Und weitererzählen. Für mich ist das der tiefere Sinn solcher Reisen. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Um das „mit eigenen Augen sehen“. Damit Geschichte mehr ist als Jahreszahlen. Damit niemand sagen kann „Wir haben es nicht gewusst!“ Damit auch unsere Kinder und Kinderkinder sehen, wohin Hass und Menschenverachtung führen können.
Erinnern heißt: sehen,
darüber sprechen und nicht vergessen, was geschehen ist.
Wer einmal tausende Schuhe in Auschwitz gesehen hat, versteht: Hinter jedem
Paar Schuhe steht ein Leben, das gewaltsam beendet wurde. Wer einen
Babystrampler entdeckt, ahnt: Hass macht nicht einmal vor den Kleinsten Halt. Menschen
wurden gequält, deportiert, ermordet – Frauen, Männer, Kinder.
Erinnerung allein macht die Welt nicht besser. Aber sie öffnet Augen und Herzen. Und klingt nach: in unseren Entscheidungen, in unserem Miteinander, heute und morgen.
Quellen:
(1) Die Bibel, Deuteronomium 4,9
Redaktion: Landespfarrerin Julia-Rebecca Riedel
