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Kirche in WDR 3 | 05.10.2026 | 07:50 Uhr
Erntedank - ein Fest von gestern?
Gestern war Erntedank. Ein Fest
von Gestern? Warum heute noch mal mit Ihnen darüber nachdenken?Ist das nicht zu viel Folklore? Der Kirchenraum: festlich dekoriert mit
allerlei Obst und Gemüse – der dickste Kürbis, die drallsten Pflaumen.
Womöglich eine Ernterkrone, geflochten aus Weizenhalmen. Vielleicht noch ein
Bollerwagen, eine Mistgabel – so wie bei uns hier im Gottesdienst am
Niederrhein. Und die Kinder, die dann beten:
„Wir danken dir für die vielen Früchte und das
Gemüse, lieber Gott!“ – Ist das alles zu kindlich naiv?
Im letzten Jahr habe ich mich gefragt: Bräuchte es nicht etwas mehr Auseinandersetzung mit dem Thema? Die Zeiten werden komplizierter und globaler. Die diesjährige Dürre brachte die Lebensmittelproduktion an ihre Grenzen. Und überhaupt: Warum Erntedank in Zeiten, in denen Melkroboter und automatische Fütterungssysteme längst die „Landlust“-Idylle abgelöst haben?
Und dann die unangenehmen Fragen: Wie ist das eigentlich mit dem Tierwohl? Essen wir zu viel Fleisch? Leben wir über unsere Verhältnisse? Was ist mit den Landwirten und deren Sorgen und Nöten? Was ist mit den Arbeitsbedingungen so vieler Menschen, die teils unter ausbeuterischen Bedingungen in den industriellen Fabriken arbeiten?
Tja… das alles verhagelt irgendwie die Erntedankstimmung. Und trotzdem:
Es ist nach wie vor
wichtig, dass Menschen dieses Fest feiern. Ein Jahr ohne Erntedank wäre (im
wahrsten Wortsinn) irgendwie un-dank-bar.
In der berühmten Verfilmung der Feuerzangenbowle gibt es eine Szene, an die ich mich immer gern erinnere: „Was kriechst du da unterm Tisch herum?“ fragt der Lehrer und unterbricht seine Abhandlung zur „Dampfmaschin“ – Der Schüler: „Ich habe eben in der Pause zwei Pfennig verloren“. Darauf der Lehrer: „Schau, dass du die Pfennige wieder findest. Das ist viel Geld für ne Jung! Wo waren wir stehen geblieben…?“
Ich finde es enorm wichtig, dass es weiterhin ein Fest gibt, das den Dank auch für die Pfennigbeträge des Lebens feiert. Für das kleine Weizenkorn wie für den fetten Kürbis. Vielleicht muss Erntedank in unserer Zeit genau so funktionieren. Das Fest erinnert daran, dass Dankbarkeit auch mit Verantwortung zusammenhängt.
Deswegen hab‘ ich auch gestern dieses Fest gefeiert. Guten Gewissens, dankbar gestimmt. Und meinen Kindern hab‘ ich gesagt: All die liebevollen Erntealtäre dürfen auch daran erinnern: Neben aller Dankbarkeit tragen wir mit unserem Verhalten so viel Verantwortung, dass es mit unserer Welt gut weitergeht. Das alle satt werden und nicht hungern. Das gilt für den Leib und die Seele - und erst recht in Zeiten des Klimawandels und der globalen Verantwortung.
Dankbarkeit, aus der Verantwortung erwächst: das ist doch eine gute Frühstücksration – auch für den Tag nach Erntedank. Findet: Bastian Rütten aus Kevelaer.
