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Kirche in WDR 4 | 10.08.2026 | 08:55 Uhr
Schöner Sommer
Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist, ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und vor ein paar Wochen, kurz vor den Ferien, da waren wir hier mit fast sechzig Erwachsenen und Kindern auf einem Familienwochenende. Es gab einen Wasserspielplatz, viel Gesang, Grillen am Abend, Stockbrot, viele Gespräche, unglaublich leckeres Essen und vor allem: viel unverplante Zeit. Herrlich.
Eigentlich verrückt: Zeit zu haben, sich Zeit lassen - das ist heute eine Art Luxus. Es muss alles sofort gehen. Das Handy braucht eine Stunde zum Laden? Oh nein! Das Paket kommt morgen statt heute? Wie ärgerlich. Und den Flaschenpost-Fahrer kannst du mit deinem Handy tracken. Noch zwei Kunden vor dir. Mach voran, Junge! Ich hab nicht ewig Zeit!
Wie anders ist Jesus drauf. Er erzählt Geschichten, in denen fast nichts passiert: Ein Bauer sät. Dann wartet er. Ein Senfkorn verschwindet in der Erde. Dann wartet man. Eine Frau knetet Sauerteig unter Mehl. Danach passiert erst einmal gar nichts. Kein göttliches Sofortprogramm gegen das Böse. Kein himmlisches Sonderkommando, das das Unkraut wegflämmt, die Populisten entzaubert und die Kriege beendet. Die Knechte in der Geschichte, sie wedeln mit Heckenschere, Pestizidflasche und Hacke. "Sollen wir das Unkraut ausreißen?" rufen sie.
Aber Jesus schüttelt den
Kopf. "Och nee, lasst mal. Ich bin da nicht so für." Und rät - zur
Geduld. Er weiß: Geduld ist nicht Nichtstun. Wer sich Zeit lässt
weiß,
dass Wachstum seine eigene Geschwindigkeit hat. Dass Menschen Zeit
brauchen. Dass sich Wahrheit nicht mit der Brechstange durchsetzt. Und dass
jeder Versuch, die Welt bequem in Gute und Böse einzuteilen, regelmäßig damit
endet, dass auch der Weizen mit ausgerissen wird. Jesus mahnt zur Geduld. Nicht
weil Gott langsam wäre. Sondern weil Liebe langsam ist.
Viele wissen das. Ich hab neulich mit einer Mutter gesprochen, die sich darüber gefreut hat, als eine Lehrerin zu ihrem Sohn gesagt hat: "Wir schauen auf das, was du gut kannst. Und nicht auf das, was fehlt." Toll, oder? Niemand zieht doch an einer Tulpe, damit sie schneller blüht. Vielleicht ist genau das das Himmelreich, von dem Jesus spricht: Gott hält diese seltsame Welt aus. Mit einer Geduld, die wir Hitzköppe manchmal für Schwäche halten.
Das Senfkorn, das zum Baum wird, ist deshalb eine Provokation. Gottes Reich beginnt klein. Unscheinbar. Fast lächerlich. Nicht mit Panzern, Erlassen oder Prozessionen. Sondern mit einem Menschen, der verzeiht, obwohl er allen Grund hätte zurückzuschlagen. Mit einem, der erkennt, dass zurückzuhassen einfach nichts bringt außer neue Probleme.
Geduld ist deshalb keine Ausrede für Untätigkeit. Sie ist Vertrauen in die eigentümliche Arbeitsweise Gottes. Jenseits von Power-Point-Präsentationen und Businnessplänen. Das Himmelreich kommt. Warte es nur ab. Das Evangelium sagt, dass am Schluss ein paar Krümel Sauerteig fast einen halben Zentner Teig durchsäuert haben. Einen halben Zentner! Ein paar Krümel davon mit in den Sommer zu nehmen. Und geduldig abzuwarten. Das wäre doch was. Nicht nur an diesem Montagmorgen.
