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Das Geistliche Wort | 06.09.2026 | 08:40 Uhr

Bewusst wählen

Guten Morgen!In Magdeburg habe ich vor 20 Jahren gelebt für eineinhalb Jahre. In der Dependance unseres Prämonstratenser-Klosters. Direkt nach der Wende gründeten wir dort von Duisburg-Hamborn aus eine kleine Kommunität, da unser Ordensgründer einst Bischof von Magdeburg war, Norbert von Xanten, Anfang des 12. Jahrhunderts. Nach 1990 wollten wir bewusst einen Beitrag leisten zum Zusammenwachsen von Ost und West. Erst kürzlich wurde unser Klosterneubau eingeweiht. Magdeburg liegt uns Prämonstratensern am Herzen. Und heute schaut ganz Deutschland auf Magdeburg. Denn ab 18.00 Uhr wird das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erwartet. Gebannt frage ich mich: Wie stark wird die AfD tatsächlich? Dabei haben die Umfragen der letzten Monate ja schon die Tendenz gezeigt: Erwartet wird ein Rechtsruck, wie in so vielen Regionen – nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Das macht mir Sorgen, große Sorgen. Dabei ist mir klar: Als Demokrat muss ich mit jedem Wahlergebnis leben. Das ist Teil unserer Demokratie. Was aber, wenn sich die Demokratie einmal selbst abschafft, weil sie sich mehrheitlich gegen sich selbst entscheidet? Was, wenn die Mehrheit in einem freien Staat bestimmte Freiheiten abschaffen will, wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Geschlechterneutralität?

Gerade laufen noch die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Und vielleicht gilt da für den einen oder die andere auch noch der alte Satz: „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“ Und morgen schon könnte es für viele heißen: „Manche Qual kommt nach der Wahl.“ Denn mit dem Wahlergebnis, damit müssen wir alle leben – ob nun die Partei regiert, die man selbst gewählt hat oder wählen würde, oder nicht.


Musik I: Peter Tschaikowsky, 5. Symphonie, 4. Satz: Finale


Mit dem Wählen ist das so eine Sache. Eine Wahl setzt immer Wahlmöglichkeiten voraus, zwischen denen ich mich entscheiden kann. Und wie oft war mir klar: Eigentlich bin ich mit keiner der Wahlmöglichkeiten so wirklich zufrieden. Also was tun? Das kleinere Übel zu wählen, ist dann oft die Lösung. Denn nicht zu wählen, würde bedeuten: Ich überlasse die Entscheidung am Ende anderen. Gut, dann kann ich immer auch kritisieren und nörgeln, weil es ja „die anderen“ sind, die entschieden haben. Und die, die haben dann auch über mich entschieden. Anders, wenn ich selbst gewählt habe. Dann habe ich zumindest meinen möglichen Einfluss ausgeübt – und mag er auch noch so gering sein. Aber ich habe dann das Prinzip der freien Wahl unter gegebenen Möglichkeiten unterstützt. Und ich habe die Chance, dass die von mir gewählte Möglichkeit sich mehrheitlich durchsetzt. Wenn dann meine Position nicht gewinnt, dann kann ich natürlich auch wieder kritisieren und nörgeln, weil es ja „die anderen“ sind, die die Macht haben. Aber das gehört dazu, wenn Entscheidungen gefunden werden durch Wahlen, also durch Mehrheitsbildung. Das ist eben Demokratie – heißt: Die Herrschaft, die Macht geht vom Volke aus.

Ich habe das viel zu lange als viel zu selbstverständlich angenommen: Geboren 1963, bin ich in einem freien Land aufgewachsen und konnte und kann hier wählen und damit politisch mitwirken. Ich kann mir meine Meinung bilden und sie auch frei äußern. Es gibt einen funktionierenden Rechtsstaat, der Grundrechte garantiert und schütz. Es gibt die Teilung der Gewalten. Und es gibt das Grundgesetz von 1949, unsere Verfassung, die all dem Zugrunde liegt. All das ist der Rahmen, indem sich gesellschaftliches Leben entfalten kann und soll und der viel ermöglicht. Wie gesagt: Den Rahmen habe ich persönlich zu lange als selbstverständlich angenommen. Vielleicht war ich da zu naiv. Demokratie bedeutet nämlich auch: Ich muss mich für sie einsetzen, und wenn es nur darin besteht, wählen zu gehen. Aber mittlerweile sollte hierzulande allen klar sein, dass es Kräfte gibt, die den Rahmen sprengen wollen; die an unserer Verfassung rütteln. Was heißt das, wenn Menschenwürde nicht mehr selbstverständlich und unumstößlich ist, weil es eine Rolle spielt, woher jemand kommt und welcher Religion er anhängt? Welches Menschenbild wird hier propagiert und welche Staatsform wird propagiert, wenn nicht mehr die Macht vom Volke ausgeht, wie in der Demokratie, sondern von einer Volksgruppe, wie in der Ethnokratie? Dann entscheidet auf einmal die Herkunft der Menschen darüber, wer die Macht und Vorteile im Staat hat. Ich hatte gedacht: Nach der Zeit des Nationalsozialismus sind diese Vorstellungen vorbei und überwunden. Aber es scheint eine nationalistische Renaissance zu geben – nicht nur in unserem Land –, wo das eigene Land und die eigene Person an erster und eigentlich einziger Stelle steht und nicht die unverlierbare Würde eines jeden Menschen.


Musik II: Antonin Dvorak: Sinfonie Nr. 9 e-moll, op 95


„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist der allererste Satz des ersten Artikels des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland.

Und der zweite: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Und dann wird das Ganze noch etwas entfaltet und es heißt im Artikel 3:

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“


Und diese Menschenwürde, die gilt eben nicht nur für mich als deutschem Staatsbürger, sondern für jeden Menschen auf der ganzen Welt. Und es ist für mich auch nicht reine Übereinkunft innerhalb einer aufgeklärten Gesellschaft, die sich gegebenenfalls auch ändern könnte, wenn eine Mehrheit das will. Die Existenz der Menschenwürde und ihr unabdingbarer Schutz gründen auf einer letzten Unverfügbarkeit. Und hier äußere ich mich jetzt sehr ausdrücklich als Christ: Die Menschenwürde gründet darauf, in jedem Menschen ein Abbild Gottes zu sehen (vgl. Gen 1,27). Warum ich das so betone: Nicht der Mensch ist Gott gleich. Aber in jedem Menschen ist etwas Göttliches. Und jeder Mensch hat die Möglichkeit, diesem Gott immer ähnlicher zu werden – oder auch sich ihm immer mehr zu entfremden. Es liegt nämlich immer auch an mir, was aus mir wird; wie ich mich entwickle und für was ich mich halte. Diese Freiheit ist ebenfalls Teil des christlichen Menschenbildes. Sie hat allerdings auch seine Grenze: nämlich die Freiheit des anderen. Wenn einzelne Menschen für sich selbst alle Freiheiten herausnehmen, sie sich womöglich für Gott halten, wie es in der Geschichte ja genug Beispiele gibt, dann wird es unmenschlich, weil sie sich dann absolut über alle anderen Menschen erheben. Der biblische Mythos vom Sündenfall erzählt genau davon (vgl. Gen 3): Der Mensch erliegt der Versuchung, wie Gott zu sein. Man kann das einfach die Versuchung der Überheblichkeit nennen: Ich will mehr sein, als ich bin. Und es stimmt doch: Wer sich über andere erhebt, der bringt viel Leid in diese Welt, weil er umgekehrt andere dadurch erniedrigt und sie entwürdigt. Wie wäre es dagegen, mich selbst ganz realistisch zu betrachten, wer und wie ich bin? Und wie wäre es, mich selbst auch so anzunehmen? Und wie wäre es dann, einander mit Würde und Respekt zu begegnen, weil ich mich nicht dadurch definiere, mehr oder besser oder größer als andere zu sein!


Musik III: Aretha Franklin, Respect


Das Bistum Magdeburg entspricht in etwa dem Land Sachsen-Anhalt. Etwa drei Prozent der Bevölkerung dort sind katholisch, acht Prozent evangelisch. Die deutliche Mehrheit also konfessions- oder religionslos. Wie schon erwähnt, habe ich selbst eineinhalb Jahre in Magdeburg gelebt und war als Priester und Seelsorger tätig. Den katholischen Bischof Gerhard Feige, der die kleine Minderheitenkirche seit über 20 Jahren leitet, kenne ich aus der damaligen Zeit. Bischof Feige hat aus Anlass der Landtagswahl mit Unterstützung der evangelischen Kirche bereits vor einiger Zeit eine Initiative gestartet. Sie lautet: „Bewusst wählen!“ Ziel ist es, Werte zu betonen, auf die es für ein gutes Zusammenleben in der Gesellschaft ankommt. Bischof Feige und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter zeigen viermal auf, was sie tun werden und warum sie es tun werden. Sie sagen:

„Wir wählen Nächstenliebe. Sie gibt allen eine Chance. Wir wählen Dialog. Protest reicht nicht. Wir wählen Menschenwürde. Du bist es wert. Wir wählen Solidarität. Teilen bringt Gewinn.“[1]

Nun haben Wahlempfehlungen von Seiten der Kirchen eine lange Geschichte – und die war auch nicht immer rühmlich. Viele haben alte Hirtenbriefe der Bischöfe vor Wahlen als starke Beeinflussung wahrgenommen. Aber den Aufruf der katholischen und evangelischen Kirche in Sachsen-Anhalt finde ich klug.

Hier zeigen sich vier positive Haltungen, die weit über eine Landtagswahl hinausgehen. Es sind Orientierungshilfen für das tägliche Leben auch jenseits der Grenzen von Sachsen-Anhalt. Bischof Feige ordnet das aktuell so ein:

„Christlicher Glaube ist nicht nur zur eigenen Erbauung und persönlichen Vergewisserung gedacht; er tröstet nicht nur in den Unvollkommenheiten des Lebens und hat den Himmel im Blick, sondern drängt und ermutigt auch, sich tatkräftig für bessere Verhältnisse einzusetzen.“[2]

Wobei ich sagen muss: Solche Haltungen wie Nächstenliebe, Dialog, Menschenwürde und Solidarität umzusetzen, das ist – weiß Gott – nicht immer einfach. Es ist anstrengend und will immer wieder neu eingeübt werden – auch und gerade gegenüber Menschen, die eine andere Meinung vertreten als man selbst. Aber anders funktioniert eine Demokratie nicht. Sie setzt immer noch auf das Argument und die Auseinandersetzung, die Suche nach der Wahrheit und das Vertrauen, dass alle Beteiligten Wohl und Gerechtigkeit für alle anstreben. Protest allein und Polemik reichen da nicht, um in einen Dialog zu kommen!


Musik IV: Péter Eötvös: Korrespondenz, Pellegrini-Quartett


Demokratie ist ein hohes, aber auch ein zerbrechliches Gut. Sie wird getragen von bewussten und fairen Wahlen aller Wahlberechtigten. Sie gründet auf einer Verfassung, die nicht selbstverständlich ist und daher gestärkt werden muss. Demokratie hat Schwächen, ist aber auch lernfähig. Das wusste schon der Staatsmann Winston Churchill, der 1947 im englischen Unterhaus kritisch formulierte:

„Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ [3]

Anders ausgedrückt: Auch wenn die Demokratie Fehler und Grenzen hat, sie ist immer noch die beste aller möglichen Herrschaftsformen. Oder wie es andere sagen würden: Demokratie ist das kleinere Übel. Aber das klingt mir zu pessimistisch. Obwohl – und das muss ich als Katholik und Theologe auch selbstkritisch sagen: Die katholische Kirche hat sich schwer getan mit der Demokratie und den ihr zugrundeliegenden Ideen. Sie sah sie als Übel an, als eine der Irrtümer der Moderne, wie auch die Religions- und Gewissensfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche und die Wissenschaftsfreiheit. So jedenfalls die Haltung von Papst Pius IX., der 1864 eine Liste mit „80 Irrtümern“ zusammenstellte und damit die Kirche in die Zeit des Mittelalters vor der Aufklärung und der französischen Revolution zurückkatapultierte. Zur Ehrenrettung von Papsttum und katholischer Kirche muss ich aber sagen: Auch die katholische Kirche hat dazugelernt, in einem langen Prozess. Der schlägt sich nicht zuletzt nieder in den Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils vor gut 60 Jahren. Da wird die Religions- und Gewissensfreiheit betont, die auf der Würde des Menschen aufbauen, und das Verhältnis zwischen Staat und Kirche wird positiv und partnerschaftlich beschrieben. Diese Positionen wirken sich bis heute aus, wenn zum Beispiel Bischof Feige in Magdeburg sich für die Demokratie einsetzt und dafür wirbt, bewusst zu wählen. Die beiden Kirchen – sind sie auch noch so sehr eine Minderheit in Sachsen-Anhalt: Sie zeigen gerade in dieser Kampagne ihre Wertschätzung der Zivilgesellschaft. Denn es geht um mehr als „nur“ um die Zusammensetzung eines Landtages. Es geht um Freiheit, Menschenwürde und damit verbunden um Grund- und Menschenrechte, für die es immer lohnt, sich einzusetzen und sie zu wählen.


Musik V: Pat Metheny, Cross the Heartland


Wir Menschen müssen immer wieder wählen – nicht nur bei einer Landtagswahl. Und es liegt immer auch an uns, was aus der Zukunft wird. So war das auch schon vor Jahrtausenden, wie es ein Text im Alten Testament berichtet. Da sollte das Volk Israel wählen. Gott hatte es vor die Alternative gestellt: Segen oder Fluch, Leben oder Tod. Und dann heißt es da (Dtn 30,19f): „Wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.“

Einen guten Tag und Zuversicht das wünscht Ihnen Pater Philipp Reichling aus Duisburg

[1] Vgl.: https://www.bistum-magdeburg.de/aktuelles-termine/nachrichten/bewusst-waehlen-die-katholische-initiative-zur-landtagswahl-am-692026 . [2] Gerhard Feige SdZ 8/2026 S. 563-572, hier 572; https://bewusstwaehlen.de/wp-content/uploads/2026/07 Stimmen_der_Zeit_Juli_2026.pdf . [3] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/demokratie-332/248593/demokratie-in-der-krise-und-doch-die-beste-herrschaftsform/ .


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