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Kirche in WDR 3 | 09.03.2026 | 07:50 Uhr
Zuversicht auf Vorrat
Es gibt wohl kaum einen Ort auf dieser Welt, an
dem Hoffnung auf Frieden unangebrachter erscheint als im Westjordanland. Natürlich brennt es in nahen Osten derzeit an allen Ecken und Enden. Aber dieser Landstrich ist seit Generationen von Hass, Spaltung, Vertreibung und
Traumatisierung
geprägt. - Versöhnung? Frieden? Kaum denkbar.
Anton Goodman hat mich eines Besseren belehrt. Ich habe ihn in Münster kennengelernt, auf einer Konferenz über die Rolle von Religionen in gewaltsamen Konflikten. Anton Goodman arbeitet für „Rabbis for Human Rights“. Eine Gruppe von Rabbinerinnen und Rabbinern, die da Präsenz zeigen, wo sich der israelisch-palästinensische Konflikt im Alltag zuspitzt. Anton erzählte mir von der Olivenernte im Westjordanland. Von Familien, für die diese Wochen entscheidend sind - für das Einkommen, für das Überleben. Und er erzählte von der Angst, die dazugehört, weil Erntezeit dort oft auch Gewaltzeit ist. - Einschüchterung. Drohungen. Übergriffe. In dieser Zeit stehen dann Rabbinerinnen und Rabbiner mit auf den Feldern. Sie nennen das „schützende Präsenz“. Sie lösen nicht alle Probleme. Sie kommen einfach und bleiben gerade dann, wenn es schwierig wird und andere den Kopf einziehen würden. Diese treue Anwesenheit verändert etwas. Sie schützen dabei mehr als nur Olivenbäume und eine Ernte. Sie schützen die Möglichkeit, dass es eines Tages mehr geben könnte zwischen Palästinensern und Israelis als Misstrauen und Gewalt. Sie wissen, dass sich diese Hoffnung nicht schnell erfüllt. Vielleicht nicht einmal zu ihren Lebzeiten. Und trotzdem tun sie, was sie tun. Obwohl ihnen palästinensische Bauern zunächst misstrauen. Und obwohl sie von anderen Rabbis als Verräter beschimpft werden. Und trotzdem bleiben sie. Was Antons Engagement so wertvoll macht, ist seine Haltung: Er hat entschieden, heute so zu handeln, als hätte der Friede eine Zukunft – damit er überhaupt eine bekommen kann. Man könnte das Frieden auf Vorrat nennen. Denn realistisch betrachtet spricht vieles dagegen. Zu viel ist geschehen. Zu viel ist zerstört worden. Zu viel Vertrauen verloren. Und trotzdem gehen diese Rabbinerinnen und Rabbiner hin. Nicht, weil sie sicher sind, dass es reicht, sondern weil sie wissen, was passiert, wenn niemand mehr hingeht. Vielleicht ist das eine Form von Zuversicht, die wir gerade dringend brauchen. Keine, die die Wirklichkeit beschönigt, sondern eine, die verhindert, dass Resignation das letzte Wort bekommt. Manche Menschen bereiten den Frieden vor, ohne ihn selbst zu erleben. Das ist keine Niederlage, sondern Treue auf lange Sicht.
Aber die Frage, vor der diese Rabbiner stehen, stellt sich auch in unserem Alltag. Wo ziehe ich mich zurück, weil ich denke: „Da ändere ich als Einzelner nichts“? Wo lasse ich Zynismus gelten, weil er vernünftig klingt? Wo habe ich mich daran gewöhnt, dass Fronten eben Fronten bleiben? Auch in unserer Gesellschaft gibt es Tendenzen, die übermächtig wirken: Spaltung, oder eine wachsende Rohheit im Umgang miteinander. Viele reagieren darauf mit Rückzug: „Da ändere ich als Einzelner nichts. Da riskiere ich keinen Shitstorm. Mit denen zu reden hat doch sowieso keinen Sinn.“
Frieden auf Vorrat dagegen heißt: Im Kleinen das tun, was man sich im Großen wünscht. Im Gespräch zu bleiben. Standfest zu sein, wo Weggehen einfacher wäre. Ich wünsche Ihnen die Entscheidung für Zuversicht, wie ich sie von Anton Goodman gelernt habe. Zuversicht ist mehr als ein Gefühl. Zuversicht ist eine Entscheidung. Das kann man von Menschen wie ihm lernen.
Aus Münster grüßt Sie Pfarrer Jochen Reidegeld.
