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Kirche in WDR 3 | 17.04.2026 | 07:50 Uhr
Toleranz
Guten Morgen!
Wenn wir als Kinder unsere Mutter fragten: „Was wünschst du dir?“, hat sie meistens gesagt: „Ich bin glücklich, wenn ihr euch vertragt.“ Mir wäre ein handfester Wunsch lieber gewesen. Ich hätte ihr gern etwas gebastelt oder gemalt oder von meinem Taschengeld gekauft. „Ich bin glücklich, wenn ihr euch vertragt“: Das blieb die Auskunft unserer Mutter, auch als wir längst erwachsen waren.
Inzwischen lebt unsere Mutter nicht mehr – aber ihr hartnäckiger Wunsch ist uns geblieben, und er sitzt tief, bis heute: „Ich bin glücklich, wenn ihr euch vertragt.“
Sich vertragen ist mehr als einander ertragen. Es ist mehr als den anderen hinnehmen, wie er oder sie nun einmal ist. Unsere Mutter hat wohl gemeint: Interessiert euch füreinander; erzählt einander, was euch wichtig ist; behaltet Achtung voreinander; bleibt miteinander auf einem gemeinsamen Weg; werdet einander nie gleichgültig; bemüht euch umeinander.
In dem schlichten mütterlichen Wunsch: „Vertragt euch!“ liegt eine wichtige Spur zur Toleranz. Ohne Toleranz geht es nicht in einer Gesellschaft, die so vielfältig ist wie die unsere. Toleranz ist eine Haltung, die andere in ihrem Anderssein würdigt und achtet. Christliche Toleranz folgt aus der Überzeugung: Gott hat mich zu seinem Bild geschaffen. Und die Menschen neben mir, die anders sind als ich, ebenfalls. Deshalb bin ich in eine lebendige Beziehung zu ihnen gestellt. Die anderen können mir nicht gleichgültig sein.
„Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt der Volksmund. Der speist sich bekanntlich aus Erfahrung. Es ist ja so: Unwillkürlich zieht es uns zu denen, die uns ähnlich sind, die ähnlich leben, genauso sprechen, derselben gesellschaftlichen Schicht angehören. Auf diese Weise bilden sich Gruppen, Clubs, Cliquen und Vereine. Das hat seinen guten Sinn. Aber: So entstehen auch - und das ist die gefährliche Kehrseite derselben Medaille – Hass, Ausgrenzung, Einsamkeit, Verurteilung und immer subtilere Arten von Mobbing. Toleranz verwehrt mir, meine eigene Art zu leben und zu lieben, zu denken und zu glauben für die einzig richtige zu halten. Solche Toleranz gehört untrennbar zum christlichen Glauben. Für mich heißt das: Ich will mit meinen Möglichkeiten dafür einstehen, dass Menschen in unserer Gesellschaft ohne Angst unterschiedlich sein können. Dazu braucht es einen festen Stand in dem, was mich selbst trägt, was mir selbst kostbar und wichtig ist. Und es braucht ehrliche Neugier auf das, was andere ausmacht. Vor allem braucht es Mut. Den wünsche ich mir selbst, und den wünsche ich Ihnen.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
In diesem Sinne grüßt Sie Annette Kurschus, Pfarrerin in Bielefeld.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
