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Kirche in WDR 2 | 04.05.2026 | 05:55 Uhr
Trotzdem
Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende auch schon wieder vorbei. Tja. Und es gibt ja diese Tage, an denen du schon beim Aufstehen weißt: Das wird nichts. Der Termin heute in der Chefetage wird Mist. Die Leute in der Arbeitsgruppe werden unzufrieden sein. Und Onkel Karl wird heute Abend beim Geburtstag von Tante Hetty wieder bloß ein Best of seiner misanthropischen Sprüche zum Besten geben. Mal ganz abgesehen von dem Text, an dem du gerade schreibst. Du weißt jetzt schon, dass du ihn am besten im Computer dringelassen hättest. Alles spricht gegen diesen Tag. Erfahrung, Statistik, Vernunft und Gefühl. Eigentlich könntest du liegenbleiben. Aber du stehst auf. Du gehst trotzdem los. Hilft ja nichts, was willst du machen.
Und damit sind wir bei dieser Geschichte vom See. Eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Eine richtige Montagsgeschichte. Ein Haufen Fischer ist vollkommen desillusioniert wieder bei seinen Booten gelandet. Für Petrus und seine Kollegen fühlt es sich so an, als würden sie nach einer Weltreise auf der AIDA wieder ihr Schlauchboot festmachen an einem einsamen Anleger in Zons. Statt weitläufiger Abenteuer mit dem Messias nun wieder Angeln mit der kurzen Leine. Die ganze Nacht lang. Um am Morgen festzustellen: Alles umsonst. Nichts gefangen. Verflucht.
Und dann kommt da auch noch diese Nervensäge und gibt Ratschläge vom Ufer aus. Einer dieser Leute, die sich eine Smartwatch kaufen und schon am nächsten Tag glauben, sie könnten einen Marathon unter drei Stunden laufen. „Versuchts ruhig noch mal auf der anderen Seite vom Boot!“ ruft der. Aber tagsüber fischen zu gehen, ist keine kreative Idee, sondern hirnrissig. Das weiß eigentlich jeder. Die Fischer möchten ihm deswegen eigentlich antworten: "Vielen Dank für den Hinweis! Wir kommen dich gleich vermöbeln." Aber sie bleiben höflich. Sie tun es trotzdem. Gegen ihr Wissen. Gegen ihre Erfahrung. Gegen ihren gesunden Menschenverstand. Sie sind dermaßen enttäuscht und wütend, dass sie nicht merken, dass Jesus dieser Besserwisser ist. Und das ist der eigentliche Skandal dieser Geschichte. Denn dann passiert das, was nicht passieren dürfte: Es funktioniert. Man könnte jetzt sagen: „Wie ärgerlich!“ Oder: „Das ist halt Ostern.“ Denn dieses „Trotzdem“ zieht sich ja durch ihr Erinnern: Da war doch der, der sich beim Abendessen hinkniet und anderen den Knies von den Füßen wäscht. Bäh! Und er macht es trotzdem. Er bricht Brot, verteilt es, und als sie nur Bahnhof verstehen sagt er: „Macht das trotzdem nach.“ Offenbar braucht es manchmal genau das: jemanden, der sich nicht an das hält, was man eben so macht. Sondern jemanden, der Sachen macht, die man eigentlich lässt.
Am Ende sitzen alle zusammen am Ufer und essen. Die Fische, die die Fischer nur deshalb gefangen haben, weil sie gegen ihre eigene Überzeugung gehandelt haben. Das Heil kommt meistens nicht von außen wie eine gut organisierte Rettungsaktion. Es beginnt da, wo jemand ruft: „Mach es trotzdem.“ Nicht nur beim Fischen. Und nicht nur an diesem Montagmorgen.
