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Sonntagskirche | 20.09.2026 | 08:55 Uhr
Geschenkter Moment
Guten Morgen!
Die Uhr an meinem Ofen in der Küche geht fünf Minuten vor. Die im Badezimmer sieben. Und im Auto immer zwei Minuten. Klar, ich gucke auch oft aufs Handy, da ist die Uhrzeit immer exakt, die kann ich ja nicht beeinflussen. Aber bei den Uhren zu Hause, die ich stellen muss, da gebe ich mir gerne immer einen kleinen Puffer.
Das klingt jetzt vielleicht blöd, weil ich ja weiß, dass ich noch fünf oder sieben oder zwei Minuten mehr habe. Wenn ich zum Beispiel auf die Ofenuhr schaue, und es ist 10.30 Uhr weiß ich ja, es ist eigentlich erst fünf vor halb elf. Aber ich mag dieses Gefühl. Dieses Gefühl: Es ist noch Zeit.
Ich kenn´ einige Leute, die das so machen. Das Spannende ist: Es funktioniert. Beim Gucken auf die Uhr habe ich kurz einen Moment der Erleichterung: Ach, es ist noch nicht so spät. Ist noch ein bisschen Zeit.
Ich habe in diesem Sommer ein interessantes Buch gelesen. (1) Da kommt eine junge Frau in einen Ort, in dem die beiden Uhren am Kirchturm zwei verschiedene Zeiten anzeigen. Es sind da auch nur ein paar Minuten Unterschied - wie bei mir zu Hause auch. Die junge Frau fragt nach, warum das denn so ist. Und man sagt ihr: „Unsere Kirchturmuhr schenkt jedem eine zweite Chance, pünktlich zu sein.“ Hat mir sofort eingeleuchtet.
Dass ein Autor eine solche Episode in ein Buch schreibt, und damit den Nerv der Zeit trifft, das sagt natürlich etwas über unsere Zeit. Und dass ich mich selber übers Ohr haue mit meinen falsch gestellten Uhren, sagt mir ganz deutlich, dass da offenbar ein Problem mit der Zeit ist. Mit der Kurzatmigkeit, mit der engen Taktung und mit den vielen geballten Terminen. Sagt mir, dass da eine große Sehnsucht ist nach diesem schönen Moment: Ach, ich hab´ ja noch Zeit.
Hanns Dieter Hüsch hat einmal einen biblischen Text, den Psalm 126, in unsere heutige Gedankenwelt übertragen. Ich liebe den ersten Satz von diesem Text, der heißt: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit. Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen. Mein Triumphieren und Verzagen. Das Elend und die Zärtlichkeit.“ (2) Für mich ist da alles drin, was ich mir von der Zeit wünsche, was ich oft genug in ihr schmerzlich vermisse und was ich Gott davon hinhalte.
Ich bin da nicht hineingeworfen und auf mich allein gestellt in all meiner Zeitnot. Im Bild der ungenau gestellten Uhren gesprochen: Gott gibt mir immer neu diesen Puffer, den kleinen Augenblick, den ich brauche. Zum Durchatmen, zum Neusortieren, zum Wahrnehmen des Tages, des Moments, des Daseins. Ich darf meine Zeit aus Gottes Hand nehmen und wissen: Ich hab` Zeit.
Wissen Sie, dass die klassischen
Bahnhofsuhren da auch was von haben? Sie laufen nicht kontinuierlich durch,
sondern machen jede Stunde eine kleine Pause vor der 12.
Bevor sie zur 12 springen, halten sie einen Moment inne.
Ich möchte es gerne mit den Bahnhofsuhren und Gottes Versprechen halten. Und deshalb auch fröhlich weiter die Uhren in meinem Zuhause vorstellen.
In allem Getriebensein und in aller Enge durch Termine und Aufgaben, schenkt mir Gott einen Moment des Freiseins. Ich hab´ noch fünf Minuten, und die sind für dieses Gefühl: Vergnügt, erlöst, befreit.
Einen gesegneten Sonntag für Sie!
Quellen:
(1) Torsten Woywod, Mathilde und Marie. dtv München 2026.
(2) Hanns Dieter Hüsch, Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz. Psalmen für Alletage. tvd Düsseldorf 1996.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
