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Pfauenrad und Steine
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Kirche in WDR 3 | 30.07.2026 | 07:50 Uhr

Pfauenrad und Steine

Jedes Mal, wenn ich sehe, wie ein Pfauenhahn sein Rad schlägt und die Federn auffächert, gerate ich ins Staunen. So ein Pfau der hat’s drauf: Diese Farbenpracht, dieses würdige, beinahe königliches Auftreten – das verfehlt seine Wirkung nie.

Als Priester im Paderborner Land verbinde ich den Pfau allerdings nicht nur mit einem Naturerlebnis, sondern auch mit dem großen Paderborner Volksfest Libori. Seit einer Woche schon feiern wir Paderborner unseren Stadtpatron, dessen Geschichte ebenso interessant wie europäisch ist. Denn Liborius war Bischof der französischen Stadt Le Mans, und der Überlieferung nach soll er mit dem heiligen Martin befreundet gewesen sein.

Viele Jahrhunderte später, im Jahr 836, wurden seine Reliquien in einer Prozession nach Paderborn gebracht. Als Schenkung für die aufstrebende Stadt, die Karl der Große gründete, die aber keinen Heiligen hatte. Spirituelle Entwicklungshilfe war das, quasi. Eine Geste deutsch-französischer Freundschaft, die über alle Jahrhunderte gehalten hat.

Was hat Liborius aber jetzt mit einem Pfau zu tun? Nun, die Legende besagt, dass ein Pfau dem Zug vorausgeflogen war und den Weg gewiesen hatte. Deshalb finden sich im Paderborner Dom wirklich zahlreiche Pfauendarstellungen. Auch bei den kommenden Feierlichkeiten, wenn die Reliquien durch Paderborn getragen werden, geht ein großer Fächer aus Pfauenfedern voran. Wieder ist er ein Blickfang – wieder zieht er Aufmerksamkeit auf sich. Mich fasziniert, was die Legenden über den heiligen Liborius noch erzählen: Menschen, die ihn um Fürsprache baten, sollen besonders von Steinleiden geheilt worden sein – also Nieren- oder Gallensteine. Darum wird Liborius – neben dem Pfau – oft auch mit drei Steinen dargestellt. Steinleiden können quälend sein, Schmerzen, die Betroffene so gefangen nehmen, dass kaum Raum für anderes bleibt.

In einer Zeit moderner Medizin, in der vieles anders behandelt wird als in früheren Jahrhunderten, wirkt diese Verbindung auf den ersten Blick vielleicht wie ein Relikt. Und doch sagen mir die Steine in der Hand des heiligen Liborius, zusammen mit dem Pfau, noch etwas anderes: Selbst, wenn körperliche Steinleiden heute medizinisch gut versorgt sind, gibt es viele „Steinleiden“ im übertragenen Sinn – Lasten, Ängste, Knoten im Inneren –, für die es keine Operation gibt. Umso wichtiger kann es sein, damit nicht allein zu bleiben. Und hier kommt für mich der Pfau ins Spiel. Er macht sich breit, er zeigt sich, er nimmt Raum ein – und lenkt dadurch Blicke auf sich. Im Zusammenhang mit Liborius aber lenkt er diese Blicke weiter: hin zu den Steinen, hin zu dem, was Menschen beschwert.

Wenn in diesen Tagen der heilige Liborius gefeiert wird, ist das für mich deshalb auch eine Art Aufmerksamkeitsprüfung: Richte ich meinen Blick nur auf den oberflächlichen Glanz – oder bin ich aufmerksam für das, was andere bedrückt? Ziehen mich allein die Kirmesattraktionen und das gemeinsame Feiern an, oder nehme ich auch wahr, wenn jemandem gerade nicht nach Fest und Freude zumute ist?

Manchmal bin ich selbst überrascht, wenn mich jemand anspricht und ehrlich fragt, wie es mir geht – und ich dabei plötzlich merke, was mich tatsächlich beschäftigt. Dann darüber sprechen zu können, hat mich schon oft entlastet. Und jedes Mal staune ich über diese unvermutete, wohltuende Aufmerksamkeit – manchmal sogar mehr als über das schönste Pfauenrad.

Manuel Klashörster


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