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Kirche in WDR 4 | 09.09.2026 | 08:55 Uhr
Mehr als Spitzen schneiden
Anders als Leif bin ich nie wirklich reingegangen… Aber vielleicht sage ich erstmal, worum es geht: In den letzten vier Jahren war ich regelmäßig in der Schillerstraße in Münster. Dort war bis vor kurzem mein Büro. Im „Haus der Verbände“ habe ich für die KAB gearbeitet, einem großen Sozialverband. Und direkt nebenan steht das sogenannte „Haus der Wohnungslosen“. Auf dem Parkplatz hab ich immer wieder Männern getroffen, auf die das zutrifft: Keine eigene Wohnung zu haben, in der man sich einrichten kann, wie man es mag. Kein fester Job und sehr oft schwerste gesundheitliche Einschränkungen. „Vom Leben gezeichnet“ heißt es ja, wenn man Menschen ansieht, dass sie eine schwere Geschichte mit sich herumtragen. Und jedes Mal, wenn ich einem dieser Männer begegnet bin, habe ich freundlich gegrüßt, habe mal nen Satz gewechselt, wenn es sich ergeben hat. Und bin dann ins Haus gegangen, mit echtem Mitgefühl und manchmal – ja, auch mit Luftanhalten. Denn dass sie kein eigenes Bad haben, das konnte ich oft riechen. Ich wusste: Nebenan, im Haus der Wohnungslosen, gibt es Unterstützung. Da arbeiten Leute, da gibt es Schlafplätze, Duschmöglichkeiten, ein Plätzchen zum Ausruhen. All sowas. Ich find die Arbeit total wichtig. Klar. Ich bin ja Christin. Sogar: Profi-Christin wenn man so will,– ich werde dafür bezahlt, als Seelsorgerin in dieser Kirche zu arbeiten. Und wenn es einen Auftrag gibt von Jesus, der unmissverständlich ist, dann der: Helft denen, die Hilfe brauchen: Essen geben, Trinken geben. Kranke besuchen. Gefangene auch – also Leute, die was ausgefressen haben – steht so an entscheidender Stelle im Matthäusevangelium (Mt 25, 31–46). Das Haus der Wohnungslosen macht vieles von dem, was Jesus damals aufgetragen hat.
Und so
sehr mich die Arbeit der Menschen dort beeindruckt und so sehr mich das
Schicksal derer, die dort ein- und ausgehen, berührt: Ich bin immer vor der Tür
geblieben. Nie bin ich wirklich in Kontakt gekommen mit den Menschen, für die
dieses Haus nebenan ein so wichtiger Ort ist.
Und dann hab ich letztens von Leif gelesen. Leif ist 14 und Schüler aus Münster. Seit Monaten geht er einmal in der Woche ins Haus der Wohnungslosen, um dort kostenlos Haare zu schneiden. Das ist Teil von einem Schulprojekt, bei dem es um freiwilliges Engagement geht. Leifs Wunsch war es: Menschen die Haare schneiden, die sich keinen Friseurbesuch leisten können. Und selbst wenn sie das Geld hätten: Würden sie sich in einen chicen Salon trauen? Von seiner Mutter, die ist Frisörin, hat Leif sich beibringen lassen, wie das geht. Youtubevideos haben auch geholfen. Und dann hat sich Leif mitten reingetraut, mit einer guten Idee und ein paar Kenntnissen in Sachen Schnitttechnik. Und mit einem Herz, das nicht beim Mitfühlen stehenbleibt. Leif traut sich nah ran an Menschen mit schwerem Gepäck und Haaren, die selten gepflegt sind. Und die Männer vertrauen sich ihm an. Berührende Begegnungen sind das. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und wenn ich das lese, denke ich: Ich kann eine Menge lernen von diesem 14jährigen, der dahin geht, wo ich ehrlich gesagt, ein bisschen Schwellenangst hab. Und bei dem aus Mitgefühl echte Taten werden.
