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Kirche in WDR 3 | 12.09.2026 | 07:50 Uhr
Vielleicht ganz anders
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Bilder oder auch Ereignisse. Mich beschäftigt derzeit ein Blitz. Auf der Autobahn. Letztens von Berlin nach Köln. Ich war einen Moment lang unaufmerksam, und dann dieses kurze … — Bin ich gerade geblitzt worden? Wie schnell war ich? Was war denn da erlaubt? Sofort geht die Rechnerei los. Wie teuer wird das wohl? — O je, da kommt was auf mich zu.
Genau das fällt mir heute Morgen wieder ein. Die Frage: Hat es mich tatsächlich erwischt? Ich weiß es nicht. — Natürlich: Wer zu schnell fährt, der muss mit sowas rechnen – und auch dafür geradestehen. Aber ständig irgendwo kontrolliert zu werden … — das gibt’s ja nicht nur im Straßenverkehr. An jeder zweiten Ecke eine Kameras. Zu unserer Sicherheit. »Big Brother is watching you.« Wer kennt nicht dieses Gefühl.
Ich frage mich: Steckt dahinter nicht etwas viel Grundsätzlicheres? — Ich erinnere mich an früher, an Erwachsene, an „Erziehungsberechtigte“, die, wenn gar nichts anderes mehr half, gern mal sagten: „Pass auf! Der liebe Gott sieht alles.“
Ha!! „Der liebe Gott sieht alles.“ Ich glaube, einige kennen noch diesen Satz. Wenn Erwachsene nicht sicherstellen konnten, was ihr Kind da in ihrem Rücken so machte, dann war da noch einer, der alles sah: der „liebe Gott“. Eine Art himmlischer Kontrolletti. Der verlängerte Erziehungsarm der Eltern und Großeltern. Vermutlich gut gemeint. Aber der Sache mit Gott hat das keinen Gefallen getan. Wer Gott als Überwachungsinstanz kennenlernt, entwickelt nicht unbedingt Vertrauen. Ein Gottesbild aus Vorsicht, vielleicht sogar aus Angst. Bloß nichts falsch machen. Bloß nicht erwischt werden. Das ist doch keine Gottesbeziehung, sondern religiöses »Law and Order«.
Vielleicht haben sich manche später gar nicht von »Gott« verabschiedet, sondern eher von diesem Gott, diesem himmlischen Aufpasser. Den aber gibt es gar nicht. Es gibt keinen, der dafür sorgt, dass mir schon nichts passiert. Und auch keinen, der nur darauf wartet, dass ich einen Fehler mache und endlich zur Rechenschaft gezogen werde.
Gott kommt dem Menschen anders nah. Nicht machtvoll, nicht übergriffig. Eher leise. Von innen. Wie eine Stimme, die zu mir sprechen will. Eine Stimme, die nicht kontrolliert, sondern liebend um mich wirbt. Mich nicht festlegt, sondern anspricht. Und dabei so unaufdringlich bleibt, dass ich auch weghören kann.
Das ist wahrlich ein anderer Gott. Vielleicht einer, den man noch einmal neu entdecken könnte.
Ludger Verst aus Köln
