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Kirche in WDR 3 | 16.06.2026 | 07:50 Uhr
Große Fragen
Guten Morgen! Ich bin Kaplan in einer katholischen Kirchengemeinde in Viersen. Und vor zwei Wochen sind in meiner Gemeinde mehr als 40 Jugendliche gefirmt worden im Alter von 15 oder 16 Jahren. Bei der Firmung sollen sich die Jugendlichen selbst zu ihrem Glauben bekennen und sie werden dann durch eine Salbung darin bestärkt. Darauf werden sie vorbereitet. Das ist für mich immer wieder ein Highlight, weil es darum geht, sich ganz intensiv über den eigenen persönlichen Glauben miteinander auszutauschen. Wichtig ist mir: Es wird nicht irgendein Wissen über den Glauben vermittelt, sondern die Jugendlichen sollen Fragen stellen – und zwar Fragen, die sie persönlich betreffen. Oft sind das Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Zum Beispiel: Was passiert nach dem Tod? Warum lässt Gott so viel Leid zu? Oder: Wie kann man sich Gott vorstellen? Besonders berühren mich aber persönliche Fragen, die dann auch gestellt werden: „Wie schaffe ich es, weiterhin der Mensch zu sein, der ich sein möchte, wo das Leben mir so viele Probleme bereitet?“ So eine Frage nach dem eigenen Ich hat für mich genauso viel mit dem Glauben zu tun wie die Frage, ob es Gott gibt. Denn wenn man über den Glauben spricht, geht es ja nicht um ein abstraktes Konstrukt, das ich analysieren kann. Es geht vielmehr um konkrete, existenzielle Erfahrungen: Alles, was Menschen im Innersten bewegt, ist letztlich eine Glaubensfrage. Wenn ich liebe oder geliebt werde, wenn ich etwas ersehne und vermisse. Und dann sollte auch danach gefragt werden: Wer liebt wen warum oder will geliebt werden?
Der Mensch zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass er sich selbst zur Frage wird: „Wer bin ich?“ So jedenfalls hat das der bedeutende Deutsche Theologe Karl Rahner einmal ausgedrückt, der vor über 40 Jahren bereits verstorben ist.
Das ist eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt, weil sie zu groß ist. Deswegen lässt sie die Menschen auch mal ratlos verstummen. Aber sie deswegen nicht zu stellen, wäre fatal, weil es den Menschen schon weiterbringt, wenn er sich damit befasst, auch wenn er nie eine vollständige Antwort bekommen wird. Das gilt übrigens für alle großen Fragen: Wie die nach dem Sinn, nach Gerechtigkeit, nach Zukunft. Und um diese Fragen zu stellen, muss man nicht an Gott glauben. Vielmehr gilt das, was eine andere deutsche Theologin einmal betont hat, Eva-Maria Faber, die heute in der Schweiz lehrt:
Für eine Gesellschaft ist es unerlässlich, Fragen zu stellen, ganz besonders die nach Gerechtigkeit und ob die Welt nicht auch anders sein könnte, als sie ist. Solche Fragen dürfen nicht verstummen, gerade wenn es keine einfachen Antworten darauf gibt. Und wir dürfen uns auch nicht mit scheinbar einfachen Antworten abspeisen lassen, wie es bestimmte Parteien und Gruppen immer wieder versuchen. Das sind wir uns als Mensch schuldig. Und vielleicht gehört es zum Menschsein dazu, mehr mit Fragen zu leben als mit Antworten.
Deswegen bin ich froh, dass die Jugendlichen in ihrer Firmvorbereitung gezeigt haben, wie gut sie darin sind, Fragen zu stellen.
Aus Viersen grüßt Sie Kaplan Andreas Hahne
