Beiträge auf: wdr3
Kirche in WDR 3 | 24.10.2026 | 07:50 Uhr
Eine Stunde - geschenkt
Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Gedanken oder auch Ereignisse. Zum Beispiel: Kommende Nacht; da werden ja die Uhren umgestellt. Von drei Uhr auf zwei Uhr zurück. Ich stell mir das gerad so vor: Ich stehe auf einem Bahnsteig und schaue auf die große Bahnhofsuhr. Was würde ich da sehen? Wie macht eine Uhr das eigentlich: eine Stunde zurückgehen?
Meistens bekommen wir diesen Augenblick gar nicht mit. Wir schlafen. Funkuhren empfangen ein Zeitsignal. Und mein Handy macht die Umstellung automatisch. Wenn wir aufwachen, ist es schon passiert.
Ich stell mir gerade vor, wie die Uhr heute Nacht diesen kleinen Sprung macht: von Drei zurück auf Zwei. — Als würde jemand sagen: »Diese Stunde, die machen wir jetzt nochmal.« Dabei dreht sich die Erde einfach weiter. Es wird hell, und es wird dunkel. Die Uhrzeiten dazu haben ja wir Menschen gemacht, damit wir uns besser zurechtfinden mit Tag und Nacht. Damit wir wissen, wann der Zug fährt oder wann jemand uns erwartet.
Einige von uns kennen noch, wie wir der Zeit
zugeschaut haben. Bei den analogen Uhren, beim großen Wecker zum Beispiel gab
es einen Sekundenzeiger. Der drehte seine Runde. Und wieder eine. Und noch
eine. Da wurde Zeit sichtbar. Heute schaue ich auf mein Handy. Da sehe ich eine
Uhrzeit, die ich ablesen kann. Beim Sekundenzeiger konnte mein Blick noch
mitgehen. Jetzt weiß ich –
exakt
– , wie spät es ist.
Wie auch immer: Die Zeit hilft uns, unseren Tag zu ordnen: in Arbeitszeit, Essenszeit oder freie Zeit. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Was eben noch vor uns lag, liegt bald schon hinter uns. Die Zeit läuft ab. Dieses Rechnen mit Zeit nannten die Griechen Chronos. Sie hatten aber noch ein anderes Wort für Zeit: Kairós: die günstige Stunde. Zeit, die uns entgegenkommt. Die sich mit etwas füllt, das wir nicht planen können: eine Stunde, in der etwas gelingt. Ein Gespräch findet eine Intensität, die vorher nicht da war. Nach langem Schweigen finden wir wieder Worte füreinander. Als stehe diese Stunde unter einem guten Stern. Wir können uns zwar darum bemühen. Ob es gelingt, haben wir nicht in der Hand.
Die Zeit bekommt hier eine andere Qualität. Sie läuft nicht einfach ab. So erfahren Menschen manchmal auch die Nähe Gottes: Gott geschieht — jetzt, in diesem Augenblick. Er erfüllt die Zeit mit seiner Gegenwart.
So wünsche ich Ihnen ein gutes Wochenende. Und eine Stunde, die Ihnen mehr schenkt als bloß sechzig Minuten.
Ludger Verst aus Köln
