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Das Geistliche Wort | 08.11.2026 | 08:40 Uhr
Der Vorabend
Guten Morgen, ich bin Theresa Kohlmeyer, Theologin und Coachin aus dem Erzbistum Paderborn, vor allem aber bin ich Dortmunder Mädchen. Damit dürfte Sie wenig überraschen, dass ich in meinem Leben schon so manche Stunde im Westfalenstadion als Teil der sog. gelben Wand verbracht habe. Ich bin Fan von Borussia Dortmund.
Es gibt vieles, was ich an diesen Stunden sehr mag. Dabei sticht für mich aber ein kleiner Moment besonders heraus. Dieser Augenblick, wenn mein Mann und ich vor der Tür stehen und kurz checken: Hast du Karten? Jo. Geld und Schlüssel? Hab ich – wie ist Handy? Hab ich. Alles klar, los geht’s. In diesen Sekunden fühle ich es ganz intensiv: gerade machen sich noch 85.000 weitere Menschen genauso wie vorfreudig wir auf den Weg. Der Gedanke ist etwas verrückt, aber irgendwie auch erhebend.
Musik 1: Herbert Grönemeyer: „Sekundenglück“
Auf dem Weg geht’s weiter, dann trifft man Menschen an und in der Bahn, ob man sich kennt oder nicht, am Trikot oder Schal sind die alle zu erkennen. Und alle tauschen sich darüber aus, ob sie sich aufs Spiel freuen, was sie erwarten und so weiter. Vorfreude – gemischt mit Vorahnungen.
In genau dieser Zeit sind unfassbar viele Menschen vom Catering und Ordnerdienst damit beschäftigt, das Stadion für die Massen vorzubereiten, die da kommen werden. Sie werden sich austauschen, dass der Senf heute nicht wieder alle gehen darf und doch bitte das EC-Gerät bis zum Ende durchhalten muss, weil es das letzte Mal so ein Chaos war.
Gleichzeitig bereiten sich Trainerstab, Spieler und Schiedsrichter sehr routiniert auf dieses Spiel vor, um möglichst wenig Unkonzentriertheit und Nervosität aufkommen zu lassen. Die Aufregung kommt, wenn sie alle zusammen ins Stadion einlaufen.
In dieser Zeit, kurz vor einem solchen Spiel, ist einfach noch alles möglich. Keiner weiß genau, wer gewinnen wird, wie das Spiel verläuft, wer früher geht, weil es einfach so grotten-schlecht ist, ob alle Spieler gesund über die 90 min kommen. In dieser Zeit ist einfach noch alles möglich. Diese Zeit ist für mich so großartig. Und ein wunderbarer Ruhrpottjunge aus Bochum hat dafür ein tolles Wort gefunden: Herbert Grönemeyer – mit seinem „Sekundenglück“.
Musik 2: Herbert Grönemeyer: „Sekundenglück“
Vorfreude ist die größte Freude. Gerade dann, wenn wir genau sehen, was da Gutes kommen wird: Urlaubsbeginn, eine Feier oder das Fußballspiel in der Liga.
Was, wenn gar nicht klar ist, was der nächste Tag bringt? Wenn sich nur ahnen lässt, welche Entscheidungen anstehen. Manchmal ist es vielleicht auch gut, am Vorabend gar nicht zu wissen, was kommt.?
Wie ging es wohl Alexander Zverev am Abend des 06. Juni 2026 mit dem Wissen, am nächsten Tag als erster deutscher Tennisspieler die French Open gewinnen zu können und Sportgeschichte zu schreiben? Oder am 13. September, am Abend vor seinem zweiten Grand Slam Siegs in New York? Sie merken: Ich hab es mit dem Sport.
Als Katholikin hab ich mich gefragt, wie sich wohl Heiner Wilmer gefühlt hat – vor seiner Einführung als Bischof von Münster am 21. Juni in diesem Jahr? Das sind Vorabende zu persönlichen Ereignissen.
Es gibt da aber auch die andere Kategorie von Vorabenden: die zu historisch bedeutsamen Tagen. Heute, am 08. November ist für die deutsche Geschichte ein Datum besonderer Vorabende mit verheerenden aber auch mit sehr positiven Folgen.
Der 08. November 1918: Vorabend der Ausrufung der Weimarer Republik. Ob der SPD-Politiker Philipp Scheidemann, der die deutsche Demokratie nach dem Kaiserreich verkündete, an diesem Vorabend schon wusste, was er tags drauf machen würde? Immerhin war das selbst mit seinem Parteifreund Friedrich Ebert nicht abgesprochen. Ein spontaner Akt, um dem Sozialisten Karl Liebknecht zuvor zu kommen.
Der 08. November 1938: Vorabend der Reichspogromnacht. Die Nationalsozialisten zünden nicht nur Synagogen an, sondern töten auch jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger und ?zerstören deren Geschäfte. Wie haben die sich wohl am Vorabend gefühlt?
Ob sie das alles erahnten und Angst hatten? Und wie haben sich wohl die Täter am 08. November 1938 gefühlt – hatten sie schon ihre Befehle für den nächsten Tag? Wussten sie, was passieren würde? War ihnen bewusst, welche verheerende Bedeutung diese Befehlsausübung haben werden wird?
Der 08. November 1989: Wie haben sich die Menschen in Ost- und Westberlin am Tag vor dem Mauerfall gefühlt? Kam der für sie total überraschend oder haben sie ihre Chance auf den Mauerfall wirklich gewittert?
Sie merken, ich habe heute mehr Fragen als Antworten, denn ich war nicht dabei. Ich könnte Tagebücher lesen. Aber leider hinterlassen die wenigsten Menschen Aufzeichnungen zum Vorabend eines Ereignisses. Vielleicht aber eben auch mit dem Wissen, dass sie sich in dieser „es ist noch alles möglich“-Zeitspanne befinden. Mit letzter Sicherheit kann niemand sagen, dass Pläne und Strategien funktionieren, und letztlich gibt es in Sport, Politik und eben im Leben ein gewisses Restrisiko.
Musik 3: Herbert Grönemeyer: „Mut“
Ein Beispiel aus der christlichen Religion ist quasi das Paradebeispiel eines solchen Vorabends: das letzte Abendmahl. Daran erinnern Christinnen und Christen weltweit immer am Donnerstag vor Ostern, am Gründonnerstag. Laut Evangelien hat Jesus bei diesem Mahl seinen Freundinnen und Freunden gegenüber bereits alles benannt, was passieren wird und es hat ihm niemand wirklich geglaubt – warum auch? Das ist ja auch erstmal abstrus die Nachricht, wenn Jesus sagt „ich werde morgen getötet werden“. Obwohl seine Jüngerinnen und Jünger in ihm doch den Heiland sehen, den Messias, den Erlöser. Da wäre ich gerne dabei gewesen, denn ganz ehrlich: So überraschend kann das doch nicht gewesen sein? Lag das nicht schon irgendwie in der Luft? Dieser Jesus hat doch auch schon lange für Unruhe unter den etablierten Religionsvertretern seiner Zeit gesorgt, also muss das doch schon erahnbar gewesen sein, dass die Religionsführer dem irgendwann ein Ende setzen werden. Was mag da in dieser Nacht alles mitgeschwungen haben: Liebe – so berichten die Evangelien, Schmerz. Abschied? Dankbarkeit? In jedem Fall: ein Wendepunkt, ein Moment der Veränderung.
Musik 4: Herbert Grönemeyer: „Mut“
In der Literatur und in der Kunst werden solche Erzählungen von Veränderung und Mut natürlich gerne aufgenommen. Besonders der Vorabend spielt immer eine große Rolle – etwa der einer Revolution. Der Vorabend des Pariser Juniaufstands von 1832 etwa wurde von Victor Hugo derart erfolgreich literarisch verdichtet, dass später daraus ein Musical entstand: „Les Miserables“.
In dem Musical wird der Vorabend zum herbeigesehnten Versprechen auf eine bessere Zukunft. Wer wie ich das Musical besucht hat, der wird sich an ein Lied besonders erinnern. Denn der Komponist Claude Michel Schönberg lässt es genau vor der Pause erklingen. „Morgen schon“ heißt das Lied. Und es endet furios mit einer energiegeladenen Frage, die sich aus dem Stimmengewirr der Revolutionäre schält: „Die Zeit ist reif, der Tag ist nah. Morgen schon ein neuer Anfang, der das Recht für alle bringt, Harmonie und neuer Einklang. Hört ihr, wie die Menschheit singt? Hört ihr, wie das Volk erklingt?“
Musik 5: Claude-Michel Schönberg, Les Miserables: “Morgen schon”
„Morgen schon“: ich frage mich, gerade in Hinblick auf das Thema des Vorabends: Wie viel wurde hier im Musical hineingedichtet? Lief es alles so stringent auf diesen Barrikadensturm zu? War das erahnbar? Und irgendwie drängt sich mir gerade heute am 08. November, jenem bedeutungsvollen Vorabend der deutschen Geschichte, die Frage auf für jetzt, für 2026: Was droht uns da angesichts der Stimmungen und Stimmungsmache, angesichts der Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern? Wir haben kaum noch Zeitzeugen, die uns heute davon erzählen können, wie das in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg war und niemanden, der aus der Zeit vor dem NS-Regime authentisch berichten kann. Wäre diese Zeit mit heute zu vergleichen? Stehen wir an einem neuen Vorabend?
Vorabendstimmung: Was liegt in der Luft? Kann man etwas Großes erahnen? Wie ist das, wenn eine Auffassung geteilt wird, wenn mehrere Personen zu der gleichen Einschätzung kommen: liegt dann schon etwas Merkliches in der Luft? Und wie ist das, wenn sich diese Auffassung und Einschätzung gegen die geteilten Werte richten, gegen Überzeugungen und Haltungen, also gegen humanitäre Grundwerte, demokratische Prinzipien und wissenschaftliche Erkenntnisse? Dann ist doch die entscheidende Frage: wer hat denn dann noch Einfluss auf den Verlauf der Geschichte? Sind wir dem ohnmächtig ausgeliefert oder können wir noch agieren?
Ich möchte nicht erleben, dass sich Menschen in ihrem Alltag und ihrem Leben nicht mehr sicher fühlen in unserem Land. Ich möchte nicht, dass sich Menschen über andere Menschen erheben, die nicht ihrem eigenen scheinbaren Ideal entsprechen.
Keine frommen Zeilen möchte ich Ihnen am Schluss mit auf den Weg geben; keine klugen Worte aus der Theologenzunft, sondern Zeilen aus dem Musical „Les Miserables“, jener Vorabend-Geschichte einer Revolution. Da singen am Ende - im Epilog - die drei Protagonistinnen:
Musik 6:
Claude-Michel Schönberg, Epilog aus Les
Miserables
Dieser Satz ist mir wichtig. Dieser Satz kann durch stürmische Zeiten tragen; an Vorabenden zu großen Ereignissen… und an einem Sonntagmorgen: „Vergesst nicht, die Wahrheit steht geschrieben - zu lieben einen Menschen heißt: Das Antlitz Gottes seh'n.“
Musik 7: Herbert Grönemeyer: "Mensch"
Aus Dortmund grüßt Sie Ihre Theresa Kohlmeyer
