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Kirche in WDR 3 | 20.06.2026 | 07:50 Uhr
Ludgerus und der Neue
Morgens, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, da gehen einem ja manchmal merkwürdige Dinge durch den Kopf. Bilder oder Gedanken. Heute bin ich in Gedanken schon in Münster. Morgen wird nämlich dort im Dom ein neuer Bischof eingeführt. Heiner Wilmer heißt er — aus Hildesheim. Er wird der 77. Bischof von Münster. Auf den ersten Blick ist das eine Zahl in einer langen Reihe. Ein Amt wird weitergegeben. Eine Geschichte setzt sich fort.
Aber an der 77 bleibe ich hängen. In der Bibel führt diese Zahl über das bloße Abzählen hinaus: Mindestens Siebenundsiebzig Mal soll man seinem Nächsten vergeben, wenn es nach Jesus geht (vgl. Mt 18,21-22) Vergeben, vertrauen, neu anfangen — das alles lässt sich ja nicht abarbeiten wie eine To-do-Liste.
Vielleicht liegt darin ein interessanter Gedanke: Der 77. Bischof muss seinen Weg nicht einfach nach einem alten Muster fortsetzen, Muss nicht dasselbe Kirchen-Programm abspulen. Er kann einen anderen Schritt setzen. Der muss nicht zwingend nach vorn drängen, als müsste alles neu erfunden werden. Manchmal liegt die Bewegung nach vorn tief in der Tradition selbst. In der Erinnerung an einen Anfang, an dem noch nichts entschieden war. Wo etwas erst werden musste. Für Münster führt diese Spur zu Ludgerus. Zum ersten Bischof der Stadt. Mit ihm wurde das Bistum Münster gegründet — vor über zwölfhundert Jahren.
Das klingt zunächst nach Frühmittelalter, Karl dem Großen, Mission und alten Handschriften. Aber interessant ist nicht die alte Geschichte. Interessant ist die Dynamik des Anfangs. Ludgerus kam in eine Landschaft mit eigenen Sprachen, eigenen Prägungen und Widerständen. Er musste übersetzen. Er musste das Christliche so zur Sprache bringen, dass Menschen überhaupt erst begreifen konnten, worum es geht. Vielleicht konnte er das, weil er darin erfahren war. Als Missionar und Abt kannte er verschiedene Welten und Lebensräume. Wie ein Pilger ist er damals durch Europa gezogen.
Genau daran muss ich heute Morgen denken: mit welch weitem Horizont auch der neue Bischof in Münster seinen Anfang setzt. Kein Zufall, dass er jetzt eine Woche lang schon mit verschiedenen Menschen, Gruppen und Verbänden durchs Bistum gepilgert ist. Er lässt sich erzählen, was die Leute bewegt. Es soll nämlich nicht einfach so weitergehen.
Ich selbst kann bei Wilmers Amtseinführung morgen leider nicht dabei sein. Ich bin in Berlin. Und doch bin ich morgen in Gedanken in Münster. Mehr noch: Ich werde mich dort auf gute Weise vertreten fühlen. Durch meine Heimatstadt Münster. Durch Ludgerus, den ersten Bischof, der auch noch mein Namenspatron ist. Und durch Heiner Wilmer, dessen erste Schritte in Münster schon zeigen, wie die Sprache der Kirche auch heute sein kann: offen und ehrlich, freundlich und nah.
Mit guten Wünschen fürs Wochenende verabschiedet sich
Ludger Verst aus Köln
