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Kirche in WDR 2 | 14.04.2026 | 05:55 Uhr
Am Grab
Als er am offenen Grab seines Vaters steht, weiß er nicht so recht, wie er sich verhalten soll. Er blickt auf den Eimer neben sich, aus dem die Pfarrerin dreimal Erde auf die Urne geworfen hat. Soll er das jetzt auch tun? Oder soll er lieber ein paar von den Blütenblättern nehmen, die auf der anderen Seite des Grabes platziert sind?
Es ist wie immer: Wenn er sich unsicher fühlt, macht er am Ende gar nichts. Und kommt sich ziemlich deplatziert vor auf diesem zugigen Friedhof. Zumal er auch nicht wirklich traurig ist. Die Beziehung zu seinem Vater ist schon lange abgekühlt. Besucht hat er ihn nur selten und wenn, dann aus einem diffusen Pflichtgefühl heraus. Muss er jetzt trotzdem so tun, als sei er betroffen? Möglicherweise sogar irgendetwas Religiöses tun? Sich bekreuzigen zum Beispiel?
Sein Sohn neben ihm scheint solche Probleme nicht zu haben. Klar, der hat immer an seinem Opa gehangen. War gern bei ihm, hat sich die Geschichten von früher angehört und mit ihm „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt. Obwohl er dafür normalerweise zu cool ist mit seinen 13 Jahren.
Jetzt hat sein Sohn sogar die Augen geschlossen und die Hände gefaltet. Betet der etwa? Vor all den Leuten? Aber warum? Hat er das im Konfirmandenunterricht gelernt, den er seit ein paar Monaten besucht?
Während sein Sohn in die Gebetsgeste versunken ist und dabei auf anrührende Weise feierlich wirkt, wandert sein eigener Blick leicht irritiert zu der Pfarrerin hinüber. Die steht ein paar Schritte vom Grab entfernt und schaut ihn an. Etwas distanziert, aber freundlich.
In dieser Art hat sie auch über seinen Vater geredet. Klar, man hat gewusst, um wen es geht. Aber richtig gekannt hat sie ihn nicht, das war durchaus zu merken. Trotzdem hat auch die Pfarrerin für seinen Vater gebetet, ihm damit etwas Gutes gewünscht. Komisch, erst die Pfarrerin, jetzt sein Sohn. Und er selbst?
Na, immerhin scheint sein Sohn inzwischen fertig zu sein. Er hat die Augen geöffnet und die Hände auseinandergenommen. Jetzt können sie wohl endlich vom Grab weggehen. Seinem Gefühl nach haben sie da unheimlich lange gestanden.
Aber während er nun das Grab hinter sich lässt, fühlt es sich irgendwie richtig an, dass für seinen Vater gebetet worden ist. Er hat keine Ahnung, ob das tatsächlich was bringt. Aber er merkt, dass es was Gutes ist, für einen Menschen zu beten. Egal, ob das Verhältnis innig ist oder eher distanziert. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass er einen solchen Satz mal denken würde: Für einen anderen Menschen beten, ist etwas Gutes! Wäre er im Kopf und Herz ein bisschen freier, dann würde er jetzt glatt zum Grab zurückgehen und selbst die Hände falten.
Redaktion: Rundfunkpastorin Sabine Steinwender-Schnitzius
