Beiträge auf: wdr5
Kirche in WDR 5 | 06.08.2026 | 06:55 Uhr
Pflichtübung
Guten Morgen,
es ist eins der seltsamsten
Bilder, das ich kenne. Links unten eine in sich versunkene Frau. Leerer Blick,
die Hand berührt suchend das eigene Gesicht. In der Mitte auf einem
Marmorpodest Jesus Christus auf einem roten Thron. Weißes Gewand, in der linken
Hand ein Zepter, in der rechten Hand eine blassgelbe Weltkugel. Bloß - und hier
wird das Bild schrecklich modern – bloß, dass man Jesus die Augen verbunden
hat. Folterwerkzeuge kreisen um seinen Kopf. Eine Art Knüppel und Hände, die zu
keinem erkennbaren Körper gehören, und doch zum Schlag ins Gesicht ausholen. Neben
Jesus erscheint wie aus dem nichts – der Kopf eines Mannes, der spuckt ihn an
und lüpft ironisch den Hut dazu.
Ich denke: Die Opfer von Hatespeech und Cybermobbing müssen sich so fühlen. Namenlos die Gewalt, sie kommt aus dem Nichts, trifft immer und ist keinem sicht- und erkennbaren Täter zuzuordnen.
Wie gut, dass zumindest der Maler dem Opfer Würde und Menschlichkeit gönnt. Denn – auch das ist seltsam – der Rücken von Jesus ist gerade – trotz allem; er hält den Kopf oben, das Gesicht ist ganz ruhig.
Rechts unten schließlich ist ein junger Mönch abgebildet. – als bekäme er von all dem nichts mit. Auf den Knien ein Buch, das er gerade umblättert; die Hand mit zwei Fingern am Kinn. Denkerpose und als wäre das allein nicht genug, steigt ihm - fast wie in einem Comic, wenn die Figur einen Einfall hat – auch noch ein Sternchen vom Kopf auf.
Das seltsame Bild heißt „Die Verspottung Christi“. In der Bibel heißt es über den Prozess, den man Jesus gemacht hat: „Sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.“ (Markus 15,19, Lutherübersetzung 2017).
Guido di Pietro, auch Fra Angelico genannt, hat das Bild von dem verspotteten Christus vor 600 Jahren gemalt, für Zelle 7 auf Etage 3 im Kloster des Dominikanerordens in Florenz. Und ich ahne: Es lebt und es betet, es liest und denkt sich anders unter so einem Bild.
Die Dominikaner, das waren die Topwissenschaftler des Mittelalters, und tatsächlich ist auch der lesende Mönch am unteren Bildrand nicht irgendwer. Er trägt die Gesichtszüge von Thomas von Aquin. Sein Denken – so sagen viele – hat die Grundlagen für die moderne Wissenschaft gelegt. Er war das Mastermind seiner Zeit. Ein Genie wie er säße heute wohl nicht im Kloster, eher vielleicht in Boston am Massachusetts Institute of Technology oder in Stanford oder wer weiß, vielleicht gar im Silicon Valley.
Und was hat das nun mit dem leidenden Christus zu tun? Und mit den Opfern von Mobbing und blanker Gewalt? Viel hoffe ich!
Denn gerade Denker- und Forscherinnen, die IT- und Socialmedia-Entwickler – sie dürfen nicht neutral oder gleichgültig sein, wo Menschen geschunden und ihrer Würde beraubt werden.
Auch Denken und Wissen und technische
Möglichkeiten und Produkte, die sie entwickeln, sind der Menschlichkeit
verpflichtet. Gerade sie sind es, ob im Labor, im Kloster oder in Silicon Valley.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )
Einen nachdenklichen Tag wünscht Ihnen Ihr Jan-Dirk Döhling aus Schwerte.
Quellen: Herbert Fendrich, Anleitung zur Betrachtung, in: Bibel heute 172 (2007), 24-25
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
