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Kirche in WDR 5 | 16.04.2026 | 06:55 Uhr
Auf der Jenseite
Guten Morgen!
„Auf der Jenseite“: So steht es auf dem Straßenschild, in weißen Buchstaben auf blauem Grund. Mein Blick aus dem Hotelzimmer des kleinen Gasthofs im Sauerland fällt genau auf dieses Schild. Vermutlich bezeichnet der Straßenname schlicht die „andere Seite“ – nämlich des Baches, der mitten durch das Dorf fließt. Gegenüber also, am anderen Ufer. „Auf der Jenseite“: Das Straßenschild lässt mich nicht los. Denn mit dem Jenseits ist das ja so eine Sache. Wer jemanden ins Jenseits befördert, bringt ihn um. Das Jenseits bezeichnet in manchen Religionen die Unterwelt, das Totenreich, den Ort, wo sich die menschlichen Seelen nach dem Sterben befinden. „Auf der Jenseite“: Welch ein seltsamer Straßenname! Makaber geradezu. Am Abend spaziere ich neugierig durch diese Straße, sehe mir die Häuser an und die Gärten und komme an einem Innenhof vorbei, in dem gefeiert wird. An einer langen Tafel sitzen die unterschiedlichsten Leute, essen und trinken, sind in Gespräche vertieft, lachen zusammen, Kinder spielen. Sie haben es hier offensichtlich rundherum gut miteinander. Unwillkürlich muss ich an die biblischen Bilder vom Jenseits denken. Es sind Bilder von der Welt, wie Gott, der Schöpfer allen Lebens, sie sich gedacht hat – und wie er sie wieder schaffen wird. Nicht aus dem Nichts, wie ganz am Anfang. Ausgerechnet die Welt, in der wir leben; die Welt, die aktuell so verfahren und zerrissen und verkehrt erscheint, die wird neu werden. Und dort, in der neuen Welt Gottes, sitzen die Menschen aller Völker an einem Tisch. Es gibt dort kein Leid, kein Geschrei und keinen Schmerz. Gott selbst wohnt bei den Menschen und ist ihnen so hautnah, dass er ihnen sogar die Tränen von den Gesichtern wischt. Es ist eine Welt ohne hässliche Töne, ohne heulende Sirenen, ohne krachende Bombendetonationen, ohne tumbes Hassgebrüll, ohne schrille Martinshörner. Manche halten die biblischen Bilder vom Jenseits für gefährlich. Sie fürchten, solche Bilder könnten wie eine Droge wirken für Menschen, die es in der Wirklichkeit nicht aushalten und am liebsten in ein rosarotes Wolkenkuckucksheim flüchten. Die Bilder könnten von den Mächtigen benutzt werden, um diejenigen ruhigzustellen, denen es elend geht. Dabei wollen die biblischen Jenseitsbilder genau das Gegenteil. Sie wollen aufmüpfig machen und widerständig. Sie wollen, dass wir uns nicht resigniert abfinden mit dem, was ist, sondern aktiv werden und mutig. Hier und jetzt und gegen allen Augenschein. Verrückt und unvernünftig womöglich, im schönsten Sinne dieser Worte. Weil wir wissen: Gott hat es anders vor mit uns. Frieden und Gerechtigkeit sind Gottes Ziel. Und zwar für alle. Ausnahmslos.
(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3- und 5: )
Was für eine Aussicht. Und wir sind dabei. Aus Bielefeld grüßt, Pfarrerin Annette Kurschus.
Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze
