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Kirche in WDR 3 | 27.07.2026 | 07:50 Uhr
Was uns entgegenblüht
Guten Morgen liebe Menschen! Sie kamen für fünf Tage in die Niederlande. Im letzten Frühling. Eine indonesische und eine polnische Mitschwester. Sie wollten den Lebensspuren unserer Ordensgründerin folgen: Geburtshaus, Wohnorte, Grab.
Ich bin ihre Reiseleitung, weil ich meine Mitschwestern in den Niederlanden unterstütze. Wir drei internationalen Schwestern fahren und laufen also umher. Und dann kommt‘s: eine Tulpe. In einem Vorgarten. Ich habe sie gar nicht wahrgenommen. Zwei Meter weiter noch fünf Tulpen und da hinten drei. Entzücken bei meiner indonesischen Mitschwester. Die polnische sagt: „Ich habe dir doch gesagt, dass die hier an der Straße wachsen!“ In taube Ohren gesprochen. Hin und weg ist Schwester Camilla. Ein mit Tulpen bepflanzter Kreisverkehr löst Glücksgefühle bei ihr aus. Ich drehe mit dem Auto eine Ehrenrunde, weil sie so begeistert ist. Vier Tage lang wird jede Tulpe jubelnd begrüßt. Am letzten Tag unseres Zusammenseins passiert das nicht mehr Erwartete: Wir kommen an einem ganzen Tulpenfeld vorbei. Meine Haarnadelkurve lässt Camilla juchzen. Ich erkläre, dass es ein Feld zum Selbstpflücken ist und wir also hineingehen können. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal eine toughe erwachsene Frau so gesehen habe. Sie kann vor Freude nicht mehr stillstehen, läuft hin und her, schlägt mit den Armen wie ein junger Vogel bei seinen ersten Flugversuchen. Ja, sie quietscht tatsächlich vor Vergnügen.
Wahrscheinlich habe ich mich noch nie so über eine Tulpe gefreut wie sie. Aber ich habe mich auch schon lange nicht mehr so an der Freude einer anderen gefreut. Freuen, Freude machen, Freude sehen. Vor Freude platzen. Jubeln, jauchzen, juchzen, sich entzücken. Wann kann ich das? Was mache ich dann? Habe ich dafür einen Ausdruck? Einen sprachlichen oder gar einen körperlichen? Trau ich mich das? Oder habe ich Angst, mich lächerlich zu machen? Fragen an mich und, wenn Sie mögen, auch an Sie.
Und sollte es Ihnen gerade dreckig gehen, weil das Leben
hart ist: Vielleicht passt mein Impuls heute nicht für Sie. Das ist okay. Oder
Sie merken, dass es bei allem Leid, aller Trauer im Leben doch diese kleinen
„Tulpen“ gibt - im übertragenen Sinn.
Ich
wundere mich zuweilen schon, was mir so „entgegenblüht“ – wenn ich es nur sehe.
Und weil ich ja an Gott glaube: ich finde, der ist eine gute Adresse für mein Glück, die Ewige ist mir ein passender Ort für Freude. In heiligen Texten wird viel gesprochen von Jubeln, Jauchzen und Entzücken. Kann ich solche Texte beten, in echt? Kenn ich das? Oder ist es eine Kunst, die ich kultivieren könnte? Vielleicht, um mich so an Gott zu freuen. In der Freude an Gott finden kleine Freuden einen Platz. Und Alltagsfreuden können zum Vorgeschmack einer Freude werden, die größer ist als alles.
Ich wünsche Ihnen einen frohen Tag und die Kunst, Gelegenheiten zu ergreifen, um sich zu freuen. – Und anderen Freude bereiten geht immer,
meint Ihre Schwester Katharina Kluitmann aus Münster
