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Kirche in WDR 4 | 06.05.2026 | 08:55 Uhr
Muttertag
Ein langer Holzspieß vollgepackt mit rosa Marshmallows, das ganze in Folie gewickelt und mittendrauf prangt ein großer Glitzeraufkleber auf dem steht pink und fettgedruckt „Mama“. Irritiert halten meine liebe Freundin Sevim und ich diesen halben Meter Kitsch am Stil zuerst hoch und dann prusten wir schallend los. Mit so viel unnützer Scheußlichkeit hatten wir nicht gerechnet in dieser so schönen Buchhandlung. Dabei lässt es sich ja nicht übersehen: Die Geschenkeindustrie lässt sich rund um den Muttertag jedes Jahr eine Menge einfallen.
Einmal habe ich ihn vergessen, den Muttertag. Da bin ich so um die 14 Jahre alt. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich merke, warum Mama irgendwie ein bisschen reserviert beim Frühstück sitzt. Als der Groschen fällt, setze ich mich hin und schreibe ein Gedicht für sie. Ich stehe neben ihr, als sie es liest. Voller Hoffnung, den Tag und die Stimmung gerettet zu haben. Pustekuchen! Nach dem Lesen guckt sie mich an und sagt: „Aber das stimmt doch nicht.“ Uff, da habe ich mich so richtig geschämt, das weiß ich noch heute. Weil ich damals direkt merke: Mama hat Recht. Den Muttertag zu vergessen ist das eine. Aber in meinem Gedicht hatte ich sie dann wirklich übersehen. Darin stand so etwas wie: „Du rennst und machst den ganzen Tag, alles nur, damit es uns gut geht.“
Aber: So war meine
Mutter nicht. Die Frau, die ich da in meinem Gedicht auf die Schnelle
beschrieben hatte, war eine, die sich selbst vergisst. Eine, die sich nichts
gönnt, nur für ihre Familie lebt, arbeitet bis zum Umfallen. Das war nicht Mama. Sie
hat einen großen Teil der Sorgearbeit gemacht, keine Frage. Aber sie hat auch
ausgiebige und oft spontane Kaffeerunden geliebt mit Nachbarinnen. In meinem
Gedicht stand kein Wort davon, dass sie weder ihre Lieblingsserien noch Bundesligaspiele
im Fernsehen verpassen wollte. Und nichts von ihrer Freude am Spielen und am
Feiern. Sie hätte und hat für schöne Begegnungen und für Doppelkopfrunden
jederzeit den Wischlappen fallen lassen, weil ihr das so viel wichtiger war als
eine jederzeit glänzende Bude. Von all dem, was ihr viel bedeutete, war in
meinem Gedicht nichts zu lesen. Ich hatte irgendein Klischee von einer Mutter
beschrieben aber nicht sie. Dabei wollte ich ihr gar nicht sagen: Sei mal so
aufopferungsvoll wie diese Frau, die ich hier beschreibe! Ich habe einfach ein
bisschen geschleimt; dachte einfach, dass es das ist, was Mütter wohl gerne
hören, an diesem Tag. Dass es gut ankommt, wenn ihr unermüdlicher Fleiß gelobt
wird. Ich habe es mir ziemlich leichtgemacht und auf die Schnelle in die
Klischeekiste gegriffen. Hätte ich diesen Marshmallowspieß zur Hand gehabt,
wäre es vielleicht der geworden. Heute kann ich sagen: Das war wirklich kein
Glanzstück von mir aber eine wichtige Lernerfahrung: Bei einem Geschenk kommt
es darauf an, den anderen wirklich zu sehen. Und so vieles, was gerade Mütter
tun, bleibt ungesehen. Gerade auch so vieles, was Mütter noch sind, über all
ihre Sorgearbeit hinaus. Es braucht da weniger Kitsch am Spieß oder auf Papier,
mehr ein Ehrliches: Ich sehe, was Dir wichtig ist. Ich sehe Dich!
