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Transitus - Hinübergehen
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Das Geistliche Wort | 04.10.2026 | 08:40 Uhr

Transitus - Hinübergehen

„Transitus“: Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, war es mir ein Rätsel. Falls Sie das Wort „Transitus“ schon einmal gehört haben, denke ich fast, dass Ihnen die franziskanische Familie nicht fremd ist. Näher, die Bewegung, die Franz von Assisi einst ins Leben gerufen hat.
In der Nacht vom dritten auf den vierten Oktober 1226 – damals waren es auch Samstag und Sonntag - ist Franziskus im Alter von 45 Jahren gestorben. Und bis heute spricht man in der franziskanischen Familie nicht vom Sterben des Franziskus, sondern eben von seinem Transitus. Mittlerweile ist mir das lateinische Wort vertraut. Es bedeutet so viel wie „Hinübergehen“ oder „Übergang“. Was für eine schöne Deutung für das, was Sterben ist: Ein Übergang, ein Hinübergehen in eine andere Wirklichkeit.
Franz von Assisi ist mir in meinem Christenleben ans Herz gewachsen. Und so bin ich auch besonders auf den heutigen Jahrestag zugegangen: nämlich zu Fuß. Mit einer kleinen Gruppe junger Menschen durfte ich nach Assisi reisen.

Ich bin Matthäus Niesmann, Spiritual des Bistums Münster und Geistlicher Begleiter. Und ich möchte heute Morgen mit Ihnen einige Gedanken und Erfahrungen unserer Reise auf den Spuren von Franz von Assisi mit Ihnen teilen:

Musik 1: Aus: Laudario di Cortona: Sia laudato San Francesco "Laudario No. 38"; Emmanuel Bardon; Canticum Novum


Im 800.Todesjahr des heiligen Franziskus bin ich mit einer Gruppe in Assisi. Unser erster Weg führt in die große Kirche San Francesco, wo er begraben ist. In der Oberkirche werden wir von den großartigen Darstellungen des Lebens von Franziskus empfangen. Der Maler Giotto hat sie im 14. Jahrhundert gemalt. Kunsthistorisch hochbedeutend, werden die Szenen aus dem Leben des Franz von Assisi lebendig. Wir tragen einiges zusammen, was uns aus seinem Leben bekannt ist, und schauen auf die großformatigen Bilder.

Musik 2: Aus: Laudario di Cortona: Da ciel venne messo novello "Laudario No. 7"; Emmanuel Bardon; Canticum Novum


Er wächst im ausgehenden 12. Jhd. auf als Sohn reicher Eltern. Sein Vater ist Kaufmann. Eigentlich soll Franziskus einmal sein Geschäft übernehmen. Aber es kommt anders. Als junger Mann zieht Franziskus in den Städtekrieg gegen Perugia, gerät in Gefangenschaft und kommt nach einem Jahr krank und gebrochen nach Haus. Nach und nach gewinnt nun sein Leben eine neue Ausrichtung. Vor dem Tafelkreuz in der verfallenen Kirche San Damiano kommt es vor über 800 Jahren zu einer inneren Zwiesprache mit dem Gekreuzigten und er beginnt die verfallene Kirche wieder aufzubauen. Er begegnet einem Aussätzigen, geht ihm nicht aus dem Weg, sondern umarmt und küsst ihn – trotz aller Ansteckungsgefahr. Ihm wird deutlich, dass er auch hier mit Christus in Kontakt gekommen ist. Franziskus beschließt – gegen den ausdrücklichen Willen seines Vaters – ein Leben in Armut zu führen, um so dem armen Christus immer mehr auf die Spur zu kommen. Der Versuch auf diesem Weg auch das Vermögen seines Vaters zu verschenken, führt zum Bruch mit dem Elternhaus.

Erste Gefährten schließen sich ihm an. Bischof Guido von Assisi unterstützt die zunächst kleine Schar in ihrem Bestreben, vom Papst anerkannt zu werden. Erst dann können sie auch über Assisi hinauswirken. Mit Klara schließt sich ihm auch eine erste Frau an. Mit ihren ersten Gefährtinnen gründet sie die Gemeinschaft der Klarissen.
Franziskus erlebt, wie die Brüder der von ihm gegründeten Gemeinschaft in die Welt wandern – über die Grenzen Italiens hinaus – und wie die Gemeinschaft immer weiter wächst. Auch er selber bleibt nicht nur in Assisi, sondern ist viel unterwegs.

Musik 3: Pat Metheney: "The Awakening"


Noch immer stehen wir vor Giottos Malerein und holen im lockeren Gespräch die Erinnerungen an das Leben von Franziskus ein. Wenn man sich sein Armutsideal in der ganzen Radikalität dank der Gemälde vor Augen führt, wird schnell klar, dass es für eine wachsende Gemeinschaft in dieser Radikalität schwierig wird. Folgerichtig gibt Franziskus irgendwann die Leitung der Gemeinschaft ab. Er bleibt spirituelles Rückgrat und lebt in einer ganz intensiven Beziehung zu Jesus Christus, aus der er seine ganz Kraft schöpft. Vor einer Wandmalerei in der Oberkirche bleiben wir länger stehen. Franziskus hat auf diesem Bild die Arme ausgebreitet. Über ihm am Himmel schwebt eine Art Engel. Die Hände des Engels sind über eine gezeichnete Linie mit den Händen des Franziskus verbunden. Bei den Füßen ist es ebenso.

Ein junger Franziskaner hat sich zu uns gesellt und erklärt uns die Darstellung: Wir sehen Franziskus im September 1224 – zwei Jahre vor seinem Tod – auf dem Berg La Verna, etwa 100 km von Assisi entfernt. Bruder Leo ist damals bei ihm. Franziskus ist so innig mit Jesus Christus verbunden, dass er die Wundmale Jesu empfängt. In der Tradition der Kirche ist er ist der erste Mensch, dem das widerfährt. Der junge Franziskaner, der bei uns steht, erläutert:. Es ist wirklich und wörtlich Teilhabe am Leid Christi. Und für Franziskus bleibt es nicht dabei. Die beiden letzten Lebensjahre sind von schwerer Krankheit gekennzeichnet. Wir fragen den jungen Franziskaner, ob er etwas mehr dazu sagen könne. Bereitwillig gibt er uns Auskunft.

Einige Monate nach der Erfahrung der Wundmale stellt sich ein immer schlimmer werdendes Augenleiden ein. Franz kann Sonnenlicht kaum noch ertragen. Die Augen schmerzen. Der Versuch, die Erkrankung zu behandeln scheitert. Umsonst werden, wie damals üblich, die Schläfen mit glühenden Eisen ausgebrannt, um den Sehnerv neu zu reizen. Franziskus ist nun ein von schwerer Krankheit gezeichneter.

Musik 4: Aus: Laudario di Cortona: De la crudel morte di Cristo "Laudario No. 24"; Emmanuel Bardon; Canticum Novum

Wir sind beeindruckt, dass Franziskus bei allem Leid, das sein Körper auszuhalten hat, doch eine innere Freude und eine Gelassenheit behält – verbunden mit einem ganz wachen Blick für seine Mitbrüder, so dass es den Menschen vorkommt, ihnen würde in Franziskus Jesus selber begegnen.
Einer, der diese Erfahrung macht, ist sein Mit-Bruder Leo. Er ist ein treuer Begleiter in diesen Jahren. Als Leo von heftigen Versuchungen heimgesucht wird, schreibt Franziskus für ihn einen kleinen Brief, ein Schriftstück, das – so sagt es ihm Franziskus – Bruder Leo immer bei sich tragen solle. Dieses kleine Pergament ist bis auf den heutigen Tag erhalten und wir finden es – in Begleitung unseres Franziskaners - in der Unterkirche von San Francesco.
Auf der einen Seite steht ein großes T. Eigentlich meint es ein Tau. Das ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets. Diesen Buchstaben verbindet Franziskus mit dem Kreuz Jesu Christi und macht ihn zu seinem Zeichen. So malt er für Bruder Leo diesen Buchstaben und schreibt dazu das älteste Segenswort der Bibel:
„Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Heil.“

Auf der Rückseite findet sich eine kleine Litanei, Anrufungen Gottes aus der Feder des Heiligen Franz. Gott ist für ihn ein Du, das uns Menschen schützt, stärkt und ermutigt. Es offenbart etwas von dem vertrauensvollen Gottesbild des Franziskus, das er Bruder Leo an Herz legt – buchstäblich; denn die Abschabungen an dem Dokument zeigen, dass Bruder Leo es wohl wirklich zeitlebens unter seiner Kutte getragen hat. Hier einige der Anrufungen aus diesem Gebet:
„Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott, der du Wunderwerke vollbringst. Du bist der Starke. Du bist der Große. Du bist der Erhabenste. (…)
Du bist die Liebe, die Minne. Du bist die Weisheit. Du bist die Demut. Du bist die Geduld. Du bist die Schönheit. Du bist die Milde. (…) … Du bist der Beschützer. Du bist unser Wächter und Verteidiger. Du bist die Stärke. Du bist die Erquickung. Du bist unsere Hoffnung. Du bist unser Glaube. Du bist unsere Liebe. Du bist unsere ganze Wonne. Du bist unser ewiges Leben: Großer und wunderbarer Herr, allmächtiger Gott, barmherziger Retter.“ (342/43)


Musik 5: Aus: Laudario di Cortona; Fami cantar l'amor di la beata "Laudario No. 9"; Emmanuel Bardon; Canticum Novum


Die Anrufungen Gottes für Bruder Leo, wie Franziskus sie formuliert, offenbaren sein tiefes und gelassenes Gottvertrauen – aufgeschrieben kurz nach dem Empfang der Stigmata.
Es gibt noch einen weiteren Brief an Bruder Leo, in dem Franziskus ihn zum Gespräch einlädt. Das Original dieses Briefes befindet sich heute in Spoleto, unweit von Assisi. Der Brief beginnt mit den Worten:
„Bruder Leo, dein Bruder Franziskus wünscht dir Frieden und Heil. (…) Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tut es mit dem Segen Gottes(…).“
Die wichtigsten Worte in diesem Brief – so erläutert uns der Franziskaner - stehen ganz am Anfang: „Frieden und Heil“ oder in lateinischer Sprache „Pax et Bonum“. Und in der Tat: Überall in Assisi werden Kacheln oder Holztafeln mit diesen Worten zum Kauf angeboten. Nach dem, was wir über Franziskus jetzt erfahren, spiegeln diese Worte wohl seine Grundbefindlichkeit in den letzten zwei Jahren seines Lebens und er kann sie anderen weitergeben.


Musik 6: David Haas, "Pax et Bonum"


„Frieden und Heil“ diese Worte von Franziskus an Bruder Leo begleiten uns weiter, während wir die Kirche San Francesco verlassen und dem Hinweis des jungen Franziskaners folgend nach San Damiano aufbrechen. Hier hatte am Anfang seines neuen Weges Franziskus die Begegnung mit dem Kreuz, hier hat er die Kirche wieder aufgebaut. Hier sind zu seiner Zeit die heilige Klara und ihre Gefährtinnen beheimatet. Am Ort angekommen erfahren wir von einer jungen Franziskanerin weitere kleine Details aus den letzten Lebensjahren von Franziskus. Im Frühjahr 1225 ist er einige Wochen hier in San Damiano. Sein Augenleiden belastet ihn stark. Das Sonnenlicht ist kaum zu ertragen.
Wir entdecken ein kleines Gärtlein, in dem Franziskus den Sonnengesang geschrieben hat. Obwohl seine Augen das Licht kaum noch aufnehmen können, schreibt er einen Lobgesang auf die Sonne und die gesamte Schöpfung. Aus diesem ersten in italienischer Sprache verfassten Liedgedicht klingt eine inspirierende Gelassenheit und tiefe Freude. Da singt jemand, in dem Friede ist und Zuversicht auf Heil und Erfüllung, wenn auch in der Fülle wohl nicht mehr in diesem irdischen Leben.

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.
(…)
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt.
Wenige Wochen später – so erfahren wir von der Schwester – im Juni 1225 fügt Franziskus noch eine Strophe über die Vergebung hinzu:.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.


Musik 7: Aus: Laudario di Cortona: Onne homo ad alta voce "Laudario No.26", Emmanuel Bardon; Canticum Novum;01/03


Etwas über ein Jahr später nach dem „Sonnengesang“ verschlechtert sich sein Zustand deutlich. Franziskus ist bis auf die Knochen abgemagert und er erleidet einen Blutsturz. Er fühlt sein Ende nahen. In dieser Situation diktiert er den Schluss des Sonnengesanges. Er begrüßt den leiblichen Tod als „Schwester Tod“ in der Zuversicht, dass dieser Tod nur den Übergang bedeutet in die Seligkeit und das ewige Lob Gottes. Es gilt, sich vertrauensvoll diesem Gott zu überlassen und hinüberzugehen.
Am Abend des 3. Oktober 1226 bittet Franziskus darum, ihm das Evangelium von der Fusswaschung vorzulesen – vom Dienst Jesu an den Seinen, bevor er in das Leid und in den Tod geht. Dann segnet Franziskus Brote, die an die Brüder verteilt werden. Schließlich ist es ihm ein Anliegen, dass man ihn ohne seine Kleider auf die Erde legt. So wie er die Erde im Augenblick der Geburt betreten hat, so möchte er sie auch verlassen.
Spätestens hier wird spürbar, dass es für ihn wirklich nur ein Hinübergehen ist, ein Übergang in das ewige Leben; eben ein Transitus, wie dies in der franziskanischen Familie genannt wird.
Am Samstagabend, dem 03. Oktober 1226, - so berichten es Augenzeugen – wird sein Heimgang begleitet von außergewöhnlichem, wunderbarem Lerchengesang.

Musik 8: Aus: Laudario di Cortona: Saltarello III, Altissima Luce - "Laudario no 8", Emmanuel Bardon; Canticum Novum


Diese Berichte lassen etwas ahnen von „Frieden und Heil“, das sein Leben auszeichnet und sich auch im Sterben ausdrückt. „Pax et Bonum“ – oder italienisch: Pace e Bene. Diese Worte gelten sicherlich als Wunsch für jeden Menschen. So möchte ich sie Ihnen gerne weitergeben am Morgen nach der Nacht, in der Franziskus vor 800 Jahren hinübergegangen ist zu seinem Gott, zu dem auch wir alle auf dem Weg sind.


Musik 9: Angelo Branduardi: "Il cantico delle creature"


Ihr Spiritual Matthäus Niesmann aus Münster.

Literatur:
Raoul Manselli, Franziskus – Der solidarische Bruder, Sonderausgabe, Freiburg 1995
Franz von Assisi, Gebete, Casa Editrice Francescana, Assisi, 2. Auflage 2016
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