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Kirche in WDR 5 | 31.01.2026 | 07:55 Uhr

Traumhaft

Am Morgen, wenn der Tag noch nicht entschieden ist, wenn man schon wach, aber noch nicht ganz da ist, noch einen Moment liegen bleiben möchte… —, da schießen einem ja manchmal überraschende Dinge durch den Kopf. Vielleicht hängt da noch ein Traum in der Luft, ohne dass ich sagen könnte, worum es da ging. Nur so ein Gefühl, das nachhängt, bevor die Gedanken sich ordnen. — Heute, am Samstag, darf ohnehin alles ein wenig später anfangen. Solche langsamen Einstiege in den Tag, die gefallen mir. In diesen ersten ungefilterten Gedanken steckt manchmal mehr als in all den Eindrücken, die am Tag noch folgen werden. Vielleicht sind es solche Momente, in denen sich etwas meldet, das tiefer reicht als das, was ich mir vornehme. Etwas, das schon da ist, bevor ich aufstehe, das mitgeht, ohne dass ich es benennen könnte in diesen halbwachen Momenten. Eine leise Ahnung.

Romano Guardini, ein Religionsphilosoph, hat einen solchen Moment im Übergang zwischen Schlaf und Wachsein einmal in Worte zu fassen versucht und in sein Tagebuch geschrieben. Er schreibt davon, dass jedem Menschen bei seiner Geburt etwas mitgegeben wird. Nicht einfach eine Fähigkeit oder eine Begabung. Sondern ein Wort. Ein Wort, das in das Leben hineingesprochen ist. Wie ein Schlüssel. Wie ein Code zu allem, was sich im Laufe der Jahre entfaltet. Kraft und Schwäche zugleich. Verheißung und Auftrag. Schutz und Gefährdung. — Alles, was später geschieht, wäre dann nicht Zufall, sondern Auslegung dieses Wortes. Ist das nicht ein spannender Gedanke? Vor allem, weil er den Blick verschiebt. Dann wäre das, was mich im Leben antreibt, nicht einfach Ergebnis von Veranlagung, Erziehung oder Leistung. Dann ginge es nicht darum, mir irgendwie einen Sinn zu machen oder eine Orientierung zusammenzubauen.
Es wäre etwas, das mir vorausliegt. Ein inneres Wort, das schon da ist, bevor ich es verstehe. Im Grunde sagt Guardini, der Religionsphilosoph: Sinn im Leben ist nichts, was ich mir ausdenke. Sinn zeigt sich, wo ich diesem inneren Wort Raum gebe. Er sagt: wo ich „es verstehe und mit ihm ins Einvernehmen komme“. Wo ich beginne, es ernst zu nehmen.

Das heißt ja nicht, still auf Erleuchtung zu warten. Für mich bedeutet es: Mich unverkrampft hineinzubegeben in das, was gerade ansteht. Nicht perfekt, sondern echt. Dieses Wort ist meine Signatur. Es gibt mich nur ein Mal. Gut so! Ich höre auf, mich ständig zu vergleichen und nachzujustieren an dem, was andere von mir erwarten oder gerade angesagt ist.

Niemand kann für einen anderen einspringen oder den Souffleur spielen. Unsere Rolle im Welttheater Gottes gibt es nur im Original – ein einziges Mal – und immer jetzt, in diesem Augenblick.

Ich wünsche uns solche erfüllenden, manchmal traumhaften Augenblicke.

Ludger Verst aus Köln

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