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Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt
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Das Geistliche Wort | 23.08.2026 | 08:40 Uhr

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt

Wir haben es einfach gemacht, meine Frau und ich. Wir haben noch einmal einen Abend zusammen getanzt. Als meine Frau mitbekam, dass in unserem Gemeindesaal ein Abend für Paare angeboten wird, hat sie uns beide sofort angemeldet. Das Versprechen: alles ganz einfach für diejenigen, die mit nur ein paar Anweisungen nochmal tanzen möchten. – Denkste! Beim vermeintlich so einfachen Disco-Fox zum Einstieg, war es dann so wie früher bei mir: Ich habe versucht, die drei einfachen Schritte „Eins – zwei –Tipp“ im Vierer-Takt unterzubringen. Aber das klappte nicht. Und, wem habe ich wieder auf die Füße getreten und wen aus dem Rhythmus gebracht? Meine Frau. – Aber sie kennt mich lange genug und hat gesagt: Schalt den Kopf aus, tanz einfach!

Beim Tanzen braucht es eben weniger den Kopf und mehr den ganzen Körper. Das Gespür für den Rhythmus ist gefragt. Es geht um Haltung, Spannung, Koordination, Bewegung, Dynamik, Taktgefühl. Das Tolle dabei ist: Es geht um gemeinsame Freude und um gemeinsame Erfahrungen und das auch nach so vielen Ehejahren. Und noch etwas – und da waren meine Frau und ich uns auch einig nach dem Tanzabend: Das Tanzen hilft sehr, den Alltag einmal loszulassen und sich ganz anders zu konzentrieren. Ich bin Markus Offner, ständiger Diakon im Bistum Aachen und habe mit meiner Frau das Tanzen noch einmal neu entdeckt. Guten Morgen.


Musik I: Whitney Houston, I Wanna Dance With Somebody


Für mich und meine Frau steht nach dem gemeinsamen Tanzabend ein Tanzkurs wieder weit oben auf der Liste gemeinsamer Projekte. Wir haben beim Tanzen vieles erlebt, was auch das Leben ausmacht. Das fängt damit an, das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu finden. Dann geht es darum, einander Halt zu geben und auch loszulassen. Und man muss gemeinsam den Rhythmus finden, im besten Falle eine Einheit bilden. Durch Rechts- und Linksdrehungen beim Walzer, mit stolzen und scharfen Promenaden beim Tango, im eleganten Gleiten und mit hüpfenden Schritten beim Quickstep kann ich mit meiner Partnerin oder meinem Partner Nähe und Distanz, Verbindung und Verbundenheit, Intimität und Begeisterung immer wieder neu in gemeinsamer Bewegung erfahren.

Heutzutage ganz wichtig: Es muss nicht immer der Mann sein, der beim Tanzen führt. Es geht auch darum, jeweils seine Rolle zu finden. Tanzen ist eine Lebensschule, in der ich mich und mein Gegenüber kennenlerne. Mehr noch: Tanzen ist eine intime Sprache, in der Menschen ihre Emotionen und Stimmungen und auch ihre Spiritualität zum Ausdruck bringen können. Und kurioserweise: diese Sprache können andere verstehen. Ich bin überzeugt: Tanzen – ob alleine, zu zweit oder in einer Gruppe ist eine universelle Sprache – unabhängig sogar von den jeweiligen Begabungen. Allein die Tatsache, dass jeder Mensch seinen Herzschlag spürt, solange er lebt, macht ihn schon zu einem rhythmischen Menschen. Und wenn ich dann tanze, dann schlägt auch mein Herz schneller, findet einen Rhythmus, seinen Rhythmus zur Musik. Und das belebt. Ja mehr noch: Es weckt Lebensfreude und bewirkt sogar Optimismus. Studien haben nachgewiesen, dass Tanzen Stress reduziert und seelisches Wohlbefinden fördert.[1]

Und weil Tanzen weit mehr ist als Bewegung – eben eine visuelle und universelle Sprache –, können im Tanz auch unsichtbare Welten sichtbar werden. Ob als Ausdruck von Emotionen, als Werkzeug für Veränderung oder als Spiegel der Gesellschaft: Tanzen kann das Körperliche mit dem Spirituellen verbinden, das Private mit dem Politischen.


Musik II: Sting, They Dance Alone


Vom Tanzabend mit meiner Frau zu einer ganz anderen Tanzerfahrung – auch wenn der Sprung jetzt nicht leichtfällt. Ich arbeite für das Bistum Aachen und zwar als Beauftragter für die Partnerschaft des Bistums mit der Kirche in Kolumbien. Dort gab es vor zwei Wochen ein schweres Erdbeben. Da ich regelmäßig nach Kolumbien komme, kenne ich auch die Region, wo jetzt das Beben war. Und meine Gedanken und mein Mitgefühl sind jetzt dort bei den Menschen. Freunde haben mir von den desaströsen Zuständen berichten, aber auch davon, dass die Menschen Mut haben und Zuversicht, gerade weil ihre Lebenssituation ganz häufig desaströs ist – nicht erst jetzt. Und genau um diese Zuversicht geht es mir, denn die zeigt sich auch in besonderer Weise beim Tanzen. Das habe ich selbst erst vor wenigen Monaten erlebt, und zwar in einem Ort 1000 Kilometer von dem Epizentrum des Erdbebens entfernt, in Cartenga.[2] Dort gibt es ein „Colegio del Cuerpo“ – eine „Hochschule des Körpers“. Gegründet hat sie Álvaro Restrepo, ein international renommierter Choreograf und Pädagoge. In über 30 Jahren hat er mehr als 9.000 Kinder und Jugendliche nicht nur zum Tanz ausgebildet, sondern durch Tanz gebildet. Die Kinder und Jugendlichen stammen fast ausschließlich aus der afro-kolumbianischen Bevölkerung dieser Region Kolumbiens, die vielfach ökonomisch und sozial benachteiligt ist.

Álvaro Restrepo geht es im Kern seiner künstlerischen und pädagogischen Arbeit um die Würde jedes und jeder Einzelnen. Er sagt: „Wir befinden uns in Cartagena, in einer Gesellschaft, in der den Menschen ihre Würde verwehrt wird.“ Es gibt ein schwarzes und ein weißes Cartagena. In den ausufernden Hochhaussiedlungen für Reiche und Touristen kommt die afro-kolumbianische Bevölkerung nur als billige Arbeitskräfte vor. Von ihren Feldern und Gebieten am Meer werden sie zunehmend verdrängt. Darum stellt Álvaro Restrepo als darstellender Künstler sehr deutlich heraus: „Die Würde ist die einzig wahre Form des Reichtums. Alles andere sind Nebensächlichkeiten, die wir besitzen oder haben, aber die Würde ist das Wesen des Menschen. Mein größter Reichtum ist meine Ausdrucksfähigkeit, mein Körper das Werkzeug, das ich zum Schaffen habe.“[3] Und so beschreibt Álvaro Restrepo seine Arbeit:

„Mein Ziel es ist, den Körper mit Würde zu behandeln – in einem Land, in dem dies mit Gewalt geschieht.“[4]

Aus dieser Arbeit ist ein Tanzcompagnie hervorgegangen, die Compañía Cuerpo de Indias, ein Ensemble von Weltrang. Ich habe das Ensemble selbst gesehen und ihre Tanz-Performance hat mich fasziniert. Es beginnt mit einer Tänzerin. Ihre Bewegung überträgt sich auf die Nächste, Bewegungen, die sich wellenartig fortsetzen. Wie viel Emotion und Stimmung drücken die Körper aus. Für mich ist das gestaltgewordene Poesie. Dann der Rhythmus. Er setzt Energie frei. Und diese Bilder wirken nach, ich habe sie immer noch vor Augen. Die Bewegungen sind geschmeidig und vollkommen. So erzählen sie von der Schönheit der Schöpfung und von der Schönheit jedes Menschen. Da spielt es keine Rolle, woher jemand kommt, ob er reich oder arm ist. Der Tanz verbindet und macht sie gleich durch ihre gemeinsame Aktion. Verflogen sind Gedanken an Gefahren und Scheitern, die in der kolumbianischen Gesellschaft alltäglich sind und schmerzhaft erfahren werden. Kolumbien ist ein Land voller Kontraste. Kolumbien weist eine extreme soziale Ungleichheit auf, bei der unermesslicher Reichtum und extreme Armut oft direkt aufeinanderprallen.[5]

Diese Kontraste sind in Cartagena besonders krass zu erleben zwischen historischer Altstadt, ausufernden Touristen-Wohn-Türmen an den Stränden und Wellblechhütten der armen, afro-kolumbianischen Bevölkerung.

Cartagena war über Jahrhunderte der Ort, an dem Sklaven aus Afrika ankamen. Ihre Nachfahren leiden bis heute unter Rassismus, Ausbeutung und Ausgrenzung. Aber: Ihre eigenen Traditionen von Musik und Tanz haben ihnen geholfen zu überleben und das lateinamerikanische Lebensgefühl voller Rhythmus und Bewegung inspiriert und geprägt.


Musik III:
Jan Steele, Que Paso Mi Amigo


Wenn ich an das „Colegio del Cuerpo“, die „Hochschule des Körpers“ von Álvaro Restrepo denke, mit den hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern, dann spielt offensichtlich deren Herkunft keine Rolle mehr – aber sie ist dennoch präsent. Viele sind Afro-kolumbianer, haben also Wurzeln, die mit der Sklaverei zu Beginn der Neuzeit zu tun haben. Aber moderne Formen der Skalverei gibt es auch heute noch hier in Cartagena. Frauen werden als billige Hausangestellte ausgebeutet, Mädchen in die armutsbedingte Prostitution gezwungen.

Gerade heute wird an den Sklavenhandel erinnert, weltweit, denn heute ist der internationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und seine Abschaffung. Der Tag wurde 1998 von der Unesco eingeführt und wird am 23. August begangen. Auch in Cartagena kann man heute etwas davon erfahren, was es heißt den modernen Sklavenhandel abzuschaffen. Den Menschen dort stehen Männer und Frauen zur Seite. Zum Teil sind es Mitglieder aus dem Jesuitenorden oder Laienmissionarinnen, die dort tätig sind. Sie leben mit und in den Dörfern und Vierteln der Afro-Kolumbianer, teilen ihre Nöte und Sorgen und helfen mit, ihre Rechte zu wahren. Und: sie arbeiten mit Álvaro Restrepo im „Colegio del Cuerpo“ zusammen. Durch Bewegung und Tanz kämpfen sie für mehr Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen und sagen damit „Nein“ zu jeder Form der Entwürdigung des Menschen, die immer schon eine Versklavung bedeutet. Der Tanz wird hier zum Ausdruck von Freiheit.

Ihr Vorbild ist übrigens ein Jesuit, Missionar und Priester aus dem 17. Jahrhundert, der heute als Nationalheiliger Kolumbiens verehrt wird: Petrus Claver. 38 Jahre lang hat er den regelmäßig in Cartagena von Bord gebrachten Sklaven Lebensmittel und Kleidung zukommen lassen. Er hat die Kranken in einer Ambulanz behandelt. Besonders die Aussätzigen unter ihnen hat er unterrichtet und viele von ihnen getauft. Für seinen Einsatz für die Kranken, Aussätzigen, Sterbenden und Gefangenen erhielt er den Ehrentitel „Apostel von Cartagena“. 1888 wurde er von Papst Leo XIII. heiliggesprochen und gilt seit 1985 als Patron der Menschenrechte.


Musik IV:
Patrick Michael Prouty, Cumbia De Fin De Semana


Ich komme noch einmal zurück zum Tanzen in unserer Kultur. Und da finde ich noch etwas anderes sehr bemerkenswert: Die Worte „Tanz“ oder „tanzen“ tauchen ja in vielen Sprachbildern auf. „Der Tanz auf dem Vulkan“ oder „Der Tanz auf der Rasierklinge“: Beides steht für gefährliche und herausfordernde Zeiten. Das Risiko, verbrannt oder verletzt zu werden ist hoch. Ich denke da an Menschen, die sich neuen Herausforderungen stellen im Beruf oder im Privaten, weil sie unüberschaubare Entscheidungen fällen müssen.

Oder ich nehme die Redensart: „Da tanzt jemand aus der Reihe“. Der- oder diejenige ist dann meistens nicht so gern gesehen. Aber manchmal ist es eben nötig aus der Reihe zu tanzen.

Und nicht zuletzt die Frage: Nach wessen Pfeife tanze ich eigentlich? Das hört sich nach Obrigkeit und Gehorsam an. Dabei geht diese Frage und Redewendung zurück auf die Bibel. Im Matthäus-Evangelium (Mt 11,16f.) vergleicht Jesus die Menschen seiner Generation mit Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und anderen zurufen: “Wir haben für euch auf der Flöte (Hochzeitslieder) gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen.“
Offenbar kann man tun, was man will, aber es wird den Menschen nicht gerecht – sie wollen immer etwas anderes. Wie schön wäre es doch, wenn die Menschen zufriedener wären mit dem, was gerade anliegt und sich damit begnügen könnten. Wenn Flöte, dann Tanz, wenn Klage, dann echte Betroffenheit. Leider geht zu oft nur das Nörgeln immer weiter. Dabei wäre es doch spannend zu fragen: Nach wessen Pfeife bin ich bereit zu tanzen? Und noch grundsätzlicher gefragt: Bin ich mir eigentlich immer bewusst, nach welcher Pfeife ich denn tanze?

Und wenn ich schon bei biblischen Texten über das Tanzen bin, dann heißt es in den Psalmen zum Lobe Gottes (Ps 149,3): „Seinen Namen sollen sie loben mit Reigentanz, mit Trommel und Leier ihm spielen.“ Und im letzten Psalm dann (Ps 150,4): „Lobt ihn mit Trommel und Reigentanz, lobt ihn mit Saiten und Flöte!“ Ich stelle mir das so vor wie ein amerikanischer Square-Dance oder einen Gruppentanz aus der irischen Tanz Show „Lord of the Dance“.

Schließlich gibt es sogar ein biblisches Zeugnis von der überwältigenden Bedeutung eines Tanzes: Es geht um die zentrale Erlösungserfahrung des Gottesvolkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten, wo die Israeliten als Sklaven gefangen waren. Sie alle waren trockenen Fußes durch das Rote Meer gezogen, verfolgt von den Ägyptern. Die aber wurden Opfer der Meeresflut, die sie überschwemmt. Und danach beschreibt das Buch Exodus einen Freudentanz (Ex 15,20-21): Die Prophetin Mirjam nimmt eine Pauke in die Hand und zieht vor den Frauen der Israeliten her. Und sie fordert alle auf:
Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Ross und Reiter warf er ins Meer.

Und die Frauen ziehen mit und: sie tanzen – aus Freude über die Rettung durch Gottes mächtiges Eingreifen.

Kein Wunder, dass diese Erfahrung noch einmal in den Psalmen nachklingt. Denn da heißt es an einer anderen Stelle (Ps 30,12):

„Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt.“ Wie gerne würde ich solche Freudentänze auch in unseren Gottesdiensten einmal erleben. – Aber das ist eine andere Geschichte.

Allerdings bin ich überzeugt: Tanzen kann ein Ausdruck gemachter Gottesbegegnungen sein. Ja mehr noch: Tanzen kann zu einer echten Gotteserfahrung werden. Wieso: Weil das Tanzen den Menschen über sich hinausführen kann, ihn sich selbst vergessen lassen kann, um so offen zu werden für eine neue, eine andere Perspektive, die über die Grenzen des eigenen Lebens hinausweist. Der tschechische Therapeut und Theologe Tomáš Halík beschreibt das einmal so:

„Hier ist ein Gott, der die Welt mit der Bewegung seiner Liebe ankurbelt, hier ist ein Gott, der dich zum Tanz der Liebe einlädt, in dem sich Himmel und Erde durchdringen, die Gnade und die Natur, das Göttliche und das Menschliche, die göttliche Dreieinigkeit und die Dreieinigkeit von Glaube, Hoffnung und Liebe, mit denen wir in die Ewigkeit hineintanzen werden. In der Ewigkeit herrscht keine Grabesruhe, die Ewigkeit ist ewige Bewegung, ein Tanz der Liebe!“[6]

Was für ein Bild: der eine Gott in drei Personen: er tanzt! Vielleicht einen Reigentanz zu dritt – wer weiß?


Musik V: Johann Sebastian Bach, Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552


Tänzerische Momente wünscht Ihnen Markus Offner, Diakon aus Aachen.


[1] Vgl.: https://www.swr.de/leben/gesundheit/so-gesund-ist-tanzen-100.html

[2] https://www.bistum-aachen.de/Kolumbienpartnerschaft

[3] https://revistametro.co/2024/04/alvaro-restrepo-bailarin-coreografo-y-pedagogo-colombiano-esculpe-generaciones-de-talentos.

[4] https://www.corporacioncolegiodelcuerpo.org.

[5] Vgl.: https://www.adveniat.de/adveniat-delegationsreise-nach-kolumbien-zeichen-der-solidaritaet-mit-hungernden-menschen/.

[6] Tomáš Halík, Ich will, dass du bist. Über den Gott der Liebe, Verlag Herder 2019, 270.



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