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Kirche in WDR 3 | 14.01.2026 | 07:50 Uhr
Mich bewegen lassen
Jetzt ist schon wieder Mittwoch und ich bin mittendrin in einer gewöhnlichen Woche.
Aber etwas lässt mich nicht los: Ich war nämlich erst letztens im Jazzkonzert vom Dave Holland Trio. Drei Männer im fortgerückten Alter: Bass, Saxophon und Schlagzeug – auf der Bühne.
Und ich: still und andächtig auf meinem Sitz im Konzertsaal. Deren Zusammenspiel Grandioses und geniale Soli. Ich war fasziniert, wie sie miteinander spielten, aufeinander reagierten und sich dabei gegenseitig weiten Raum ließen, damit der je andere einfach sich entfalten konnte. Keine Starallüren. Drei bescheidene Männer, die bewegt waren von der Musik, sowohl von der eigenen, wie auch von der Musik der anderen. Sie eröffnet Klang- und Resonanzräume bei sich, bei den anderen Musikern, und eben auch beim Publikum.
Und da saß ich jetzt. Ich spürte die Musik nicht nur in den Ohren. Sie bewegte mich und erfüllte meinen ganzen Körper. Ich schloss die Augen und war ganz Ohr. Mehr noch, ich genoss es mich von der Musik erfüllen zu lassen.
Ich hatte nur leider ein Problem. Ich wollte aufspringen und tanzen. Aber ich saß ja in der Philharmonie: Einem Ort mit enger Bestuhlung, der unmissverständlich deutlich macht: nur zuhören, nicht tanzen.
Ok., dachte ich. Du musst dich nicht blamieren und auch nicht die anderen Zuhörerinnen irritieren. Also blieb ich brav sitzen.
Aber bewegen musste ich mich irgendwie doch – die Musik war zu mitreißend. Also Sitztanz. Wenn sie verstehen was ich meine. Ich blieb sitzen und ließ dennoch die Musik meinen Körper bewegen. Ich nahm den Rhythmus auf und bewegte den kleinen Finger, oder die Augenbraue, wippte mit den Füßen und Beinen und war selbst ganz begeistert.
Es war einfach herrlich. Mein Körper war ein einziger Resonanzraum. Gerade noch Frust wegen der engen Sitzreihen war ich jetzt ganz beseelt und auch versöhnt mit meinem Sitztanz. Mir fehlte nichts. Viel mehr entdeckte ich: Da, wo ich gerade bin kann ich viel Resonanz geben auch mit den geringen Möglichkeiten, die mir hier und jetzt zur Verfügung stehen.
Ich will es mal so sagen: Es kommt darauf an im Hier und Jetzt zu sein.
Das heißt zunächst einmal Wahrnehmen, welche Regungen gerade in mir sind. Und spüren, welche Resonanzen sich gerade ergeben. Also ganz in der Gegenwart sein! Dazu gehört auch, wahrzunehmen wo ich bin und mit wem ich gerade zusammen bin. So wie die drei Jazzmusiker auf der Bühne. Sie waren ganz da und niemand drängte sich in den Vordergrund. Jeder ließ den anderen gelten und so spielten und klangen sie zusammen.
Am sichtbarsten machte dies der Saxophonist. Wenn er nicht spielte, trat er immer hinter die anderen beiden Musiker. Er nahm sich selber zurück und hörte einfach zu. Lies sich begeistern und inspirieren von der Musik der anderen. Er war ganz im Hier und Jetzt, und zugleich irgendwie entrückt.
Und so war auch ich da im Saal der Philharmonie: Hier und Jetzt auf meinem Sitz, fixiert und doch mit genügend Raum um mich zur Musik zu bewegen. Weiter Raum, trotz Enge. Verrückt!
So wie es auch in der Bibel im Psalm 31 beschrieben wird: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Daran musste ich denken. Der Weite Raum, kann sich manchmal auf einem engen Sitz in der Philharmonie ereignen. Fast ein Wunder: Selbst in der vermeintlichen Enge lässt sich noch ganz schön viel Weite spüren, die unendlich viel Bewegung zulässt.
Einen bewegten Tag mit viel weitem Raum, wo auch immer sie gerade sind, wünscht Ihnen Stefan Wiesel aus Essen.
